Miteinander reden

Miteinander reden bedeutet, sich dem Anderen zu öffnen.

miteinander-reden
Miteinander reden

Miteinander reden

Viele Menschen reden gerne. Sie reden gerne, wenn die anderen zuhören (müssen). Diese Alleingänge begegnen uns im geschäftlichen wie privaten Bereich. Doch die aus solchen Gesprächen abgeleiteten Erkenntnisse gleichen mehr einem Diktat, denn einem gemeinsam bewirkten Ergebnis im Gespräch. Der so entstandene Kompromiss gilt mit Recht als faul. Konsens lügt in weiter Ferne.
Das Magische des echten Gesprächs mag entstehen, wenn die Partner miteinander Denken und Einen offenen Austausches anstreben.
Allen Gesprächen empfahl Rogers und Tausch eine Haltun, die von Echtheit bzw. Stimmigkeit, Wertschätzung, Selbstexploration und einem empathischen zu verstehen suchen, getragen wird. Bohm sagt: Das Gespräch als Dialog folgt am Ende der Disskussion.

Weshalb das Miteinander- Reden so schwer scheint

Menschen zeigen reges Interesse beim Thema Kommunikation. Die Schwierigkeit liegt weniger beim Sprechen-Können als vielmehr beim aktiven interagieren. Oft versuchen Menschen in gemeinsamen Gesprächen mit geschickten rhetorischen Schlichen über persönliche Schwächen und Fehler hinwegzutäuschen. Manche Menschen nützen gruppendynamische Phänomene aus, um einen scheinbar gemeinsamen Austausch einseitig in eine Richtung zu lenken. Und so wird das Gespräch missbraucht, um souveräner zu wirken, eine Fassade aufzubauen, Masken zu tragen oder Menschen "einzufangen". Das Gespräch verkommt zu einem Etwas, das Menschen in der Masse zwar zum brennen und anschließenden verbrennen zu führen vermag, aber kaum die innere Quelle bzw. das Herz erreicht.

Es ist mir bewusst, dass wir auch über das psychische Sein handeln müssten, um das Thema des Miteinander-Redens im Ganzen zu erfassen: Individualität, Sozialität, Grenzhaftigkeit, Geschichtlichkeit und Welthaftigkeit bilden eine dialektische Einheit. Es würde den Rahmen dieser wenigen Zeilen sprengen und so behalte ich diese Bereiche einem eigenen Blog vor.

Wenden wir uns ausgewählten Aspekten zu, weshalb es sinnvoll scheint, sich auf das MIteinander-Reden einzulassen.

Zauber des Gesprächs

Miteinader reden bedeutet, sich sozialen und moralischen Netzen zu öffnen und Ja zur Ambiguität zu sagen, dessen Ziel grundsätzlich von einem gemeinsamen Zweck bestimmt wird. Der Zweck kann bewusst sein, doch umfasst der Begriff auch den zufälligen wie auch unbewussten Bereich eines Gesprächs, der sich in gewohnheitsmäßigen Antworten zeigt: Wie geht es? Antwort: Gut! In den seltensten Fällen ist hier ein echtes Interesse an der Gefühlswelt des Anderen der MIttelpunkt; warum eigentlich nicht?

Weist doch Wittgenstein (LTP 4.121) darauf hin, dass , was sich in der Sprache ausdrücke, wir nicht durch sie ausdrücken können. darin vermag sich die Magie zeigen, die Menschen in einem gemeinsamen Dialog erfahren können und wie ein Gedicht von Rilke oder Celan zu verzaubern vermag und neue Räume öffnen kann.

Es könnte ein lebendiges Spiel sein, in dem man zu verstehen sucht, wahrnehmen kann oder von dem Zauber getragen wird. Machte das viele Gespräche nicht lebendiger, intensiver, echter und wärmer?

Vielfältigkeit

Begegnen sich Menschen im Gespräch, bedeutet das, dass jeder Mensch mit jedem anders umgeht. Dieses Umgehen hängt von seiner eigenen moralischen und kommunikativen Kompetenz, seinem Deutungsrahmen wie auch dem Blick des Anderen ab. Auch das Handlungsziel des Gesprächs bestimmt, wie und welche Anteile der Beteiligten bewusst und aktiviert werden.

Damit wird klar, dass in jeglichem Gespräch die Realisierung moralischer und kommunikativer Kompetenz eines Menschen auch von der des Partners und dem Ziel des gemeinsamen Gesprächs abhängt und ein dialektisches Feld begeht.

Und es kommt in einem Gespräch darauf an, die moralische und kommunikative Kompetenz zum Schwingen zu bringen. So können auch situations- und inhaltsunabhängig erhebliche Anteile dieser Bereiche in schwierigen Sitautionen realisiert werden.

Menschenbild

All unser Erkennen, Erklären und Verstehen - und damit auch das Miteinander-Reden - ist bestimmt von dem Selbstverständis unseres Menschenbildes. Und damit hat es auch unmittelbaren Einfluss auf unser Umgehen in dem Gespräch. Dieses konkrete Bild bestimmt, was wir mit unserem Gegenüber machen und wie wir miteinander handeln. Beides vereinigt sich im Menschenbild, das uns grundsätzlich weitgehend unbewusst ist.

In der Kommunikation gilt es für alle Beteiligten, diese Bilder aus dem Gefängnis des Unbewussten zu befreien, damit bewusst und für uns auch verantwortbar zu machen. Diese Befreiungsaktionen sind nicht ganz ungefährlich, wie uns manche Reaktionen in einem Gespräch zeigen, wenn Menschen bemerken, dass ihr tatsächliches Menschbild (Ich-Real) mit dem Ideal-Bild sich nicht deckt (Selbst-Ideal).

„Du musst dein eigenes Leben leben, nicht eines, das die anderen von dir verlangen, “ sagte Ernst von Glasersfeld. Diese Gedanken können nicht frei von Ethik und sittlichem Gewissen zu denken sein und äußern sich im Tun, im Sprechen und Umgehen mit Anderen.
Wenn Menschen ein überaus eheres Bild vom Menschen kultivieren, können sich glorifizierende Selbstbilder zum Menschenbild erheben. Nicht selten zeigt sich dieses Phänomen im Umgang miteinander als Arroganz, überzeichnetem Egoismus oder Heuchelei.

So verwundert es, dass der Reflexion des Menschenbilds und der Ethik in vielen Kommunikationstrainings wenig oder oftmals gar kein Raum eingeräumt wird: Sollte der Seminarleiter Kommunikation als reines Kommunikationsprimat und nicht als Interaktionsprimat auffassen? Rein an Methoden orientierte Kommunikationsausbildungen, erfüllen den Anspruch kaum.

Die Praxis zeigt mir, dass hier manche Management- , Verkaufs-, NLP-Kommunikationsseminare diesem Anspruch nicht gerecht werden und eben auch keine nachhaltige Wirkung zeigen.

Haltung

Die aus dem Menschenbild resultierende eigene Haltung zu hinterfragen und dem anderen ein eigenes Bild zuzugestehen, ist für Miteinander-Reden eine weitere Grundvoraussetzung - im beruflichen, privaten wie politischen Alltag. Dass diese Weise des Zusammen-Sprechens nicht einfach ist und Spannungsfelder öffnet, sei unbenommen. Dennoch ist das Miteinander-Reden Voraussetzung, um zu einem Konsens oder Kompromiss mit Anderen zu kommen. Und Konsens entsteht erst durch Auseinandersetzung.

Das gelingt, wenn wir eine gemeinsame Basis schaffen, die diese Art des Miteineander-Sprechens ermöglichen kann. Toleranz, Biophilie und Akzeptanz des Anderen in seinem So-Sein, vermag diesen Raum vorzubereiten. Das bedarf Mut, sich mit dem Andersartigen auseinanderzusetzen. "Reden tut gut", lautet ein Werbespruch eines Telefonanbieters. Doch das ist nur die halbe Wahrheit, meint Zeldin und fährt fort, niemand könnte behaupten, "Essen tut gut", ohne anzumerken, dass das, was wir gerne essen, gar nicht so gut für uns sein kann. Wie wäre es, auch bei Gesprächen Diätvorschriften einzuhalten?
Und von Foerster wirft auf, dass mit der Formulierung „Das ist gut“, ein Problem in den Diskurs eingebracht wird, wenn es eine Seite nicht gut fände.

Menschen können lernen, eine andere Haltung gegenüber dem Gespräch einzunehmen. Es kann mehr sein als nur Informationen auszusenden und aufzunehmen. Es ist, wie oben bemerkt, eine Liebeserklärung an die Magie der Worte und den Zauber des Gesprächs. Liebe bedingt auch der Muße, sich Zeit zu nehmen, zu verlangsamen (David Bohm) und sich aus dem geschäftigen Treiben auszuklinken. Versuchen die Interferenzen auszuschließen oder zumindest reduzieren.

Weshalb kommen sich Menschen in Stehausschänken und Kneipen leichter ins Gespräch?
Welchen Anteil hat Zuhören in einem Gespräch?
Was wären die Haltungen eines guten Zuhörers?

Fühlen

Am nächsten ist dem Menschen grundsätzlich, was er fühlt. Wir finden nicht alle Menschen sympathisch. Viele Menschen leben in einem Feld von Leid und Angst, Neid, Zorn und Hass. Schlechte Gefühle können verstören und irritieren: Ist das normal? Gehören diese Gefühle auch zu mir selbst? Bin ich das, was ich fühle?
Es gilt die eigene Gefühlswelt zu hinterfragen. Was für ein Bedürfnis steht hinter dem Gefühl?
Welches Motiv verbirgt sich?
Nur wer sich selbst kennt, kann sich auch dem Anderen öffnen. Sprich mit Herzen, empfiehlt David Bohm als eine der Bedingungen für einen Dialog und ich erweitere diese Aussage auf jedes Gespräch.

Wie sähen Gespräche aus, die „ mit Herzen“ gesprochen werden?

Fake

Viele Vortragskünstler sind auf die Darstellung und äußere Wirkung bedacht, statt den Gesprächsgegenstand zu vertiefen (siehe auch bei Klemperer, LTI). So meiden viele dieser Darstellungskünstler und auch Lehrer der Rhetorik, Themen, die tief gehen oder zu persönlich waren. Das Persönliche verliert sich, weil diese (Zu-)Redner ein falsches Spiel trieben: Statt zu sagen, was sie denken, wiederholen sie gängige Formulierungen oder sagten akzentuiert und gewandt Dinge, die sie selbst nicht glauben.

Grenzen

Sozialer Anschluß ist die eine Seite des Gesprächs. Doch bedeutet dieses Verständnis nicht, die andere Aussage einfach nur anzunehmen. Menschen sind auch Einzelwesen mit vielfältigen Phänomenen und Tugenden, die sie als Persönlichkeit von Anderen abgrenzen. Ohne Grenze ist der Mensch nicht als Individuum ausmachbar. Er ist Masse. Er verschwindet im Mob.

Personsein bedeutet auch immer existenzielles Begrenztsein. Es gilt die sozialen und emotionalen Grenzen zu sehen und zu ziehen. Der Körper gibt uns Grenzen vor, wie auch Institutionen (soziale, politische, ökonomische gebilde) Grenzen vorgeben. Grenzen werden uns gezogen durch unser Frausein und Mannsein, durch unsere soziale, politische oder religiöse Herkunft.
Grenzen ziehen auch unsere emotionale, moralische und intellektuelle Begabungen.

Wir bemerken das, wenn wir miteinander reden. Das Gespräch ermöglicht uns aber, unsere Grenzen zu weiten, indem wir den Mut finden, in andere Welten einzutauchen und uns der Ambivalenz und Vielschichtigkeit bewusst werden. So vermag uns das Gespräch die eignen Grenzen zu öffnen und uns verdeutlichen, warum Sprache Zauber immanent ist und alleiniges Schweigen keine Tugend ist.

So wie wir Grenzen als Individuum brauchen, brauchen wir ebenso Sozialität, die sich im Miteinander-Reden zeigt.

Manipulation

Es gibt Modelle der Kommunikation, die lehnen viele Menschen ab. Doch zeigt es nicht von intellektueller Weitsicht, ein Modell abzulehnen, nur weil es missbräuchlich verwendet werden kann.

Menschen können im Gespräch manipuliert werden: durch unfaire Dialektik, Methoden der Demagogen, NLP. Das führt mich dazu, das Axiom von Watzlawick umzuwandeln: Menschen können nicht nicht manipulieren. Es ist immer nur eine Frage des Preises.

Wie so oft, gibt es nur eine Variante, sich davor zu schützen: Man erkennt, wenn ein anderer Mensch im Gespräch manipuliert. Dann muss man die Mechanismen kennen. Kennt man sie nicht, wird man zum Spielball in diesem Spiel.

Ethik

Sich im Miteinander-Reden zu üben und stärken, ist immer zugleich Menschenbildung. Deshalb reicht nicht aus, alleinig Techniken des Gesprächs zu üben. Sie werden, so Sie üben, ein guter Kommunikator und werden auch große Erfolge generieren können (so auch Gerhard Roth). Man hört Ihrem "Zu-Reden" zu, so man zum Beispiel wegen der hierarchischen Stellung meint, es zu müssen. Doch die Tiefe des Miteinander-Redens, die Herzen bleiben Ihnen verschlossen.

Was wäre, wenn Sie sich über Ihre Ängste emanzipierten und sich Menschen zuwenden, die ein echtes Gespräch anstreben?
Könnte einmal ein Punkt in Ihrem Leben kommen, wo Sie meinen, das kann es doch nicht gewesen sein?

Spätenstens, wenn Sie die Frage nach dem Sinn entdecken oder diese sich Ihnen stellt, bemerken Sie, dass der Mensch auf Beziehung und Interaktion hin angelegt ist und nicht vom Individuum ausschließlich erfüllend leben kann. Der Sinn scheint außerhalb der Welt zu liegen, meinte Wittgenstein. In der Welt kann der Wert nicht gefunden werden.

Ethik reflektiert über gut und schlecht, richtig und falsch; ohne zu sagen, das ist richtig und das ist falsch. Diese Reflexion geschieht wieder am besten im gemeinsamen Dialog, der Licht ziwschen die Polaritäten bringt und die Richtung auch im Streitgespräch geben kann. Es mag ein Umweg sein. Doch ist es ergiebiger im Gespräch über Ähnlichkeiten zu sprechen oder über Unterschiede?

Lohnt es sich vorzugeben, etwas verstanden zu haben, wenn man es nicht verstanden hat?, fragt Zeldin zum Ende seines Büchleins, in dem es um Miteinander-Reden geht.