Mitgefühl im Business

Wollen wir, dass wir uns besser verstehen, dann müssen wir die altruistische Kraft freisetzen.

wolfgang-schneider
Führungsseminar 2018 Toscana

Metalog

Veröffentlichungen von Tania Singer, Marshall B. Rosenberg und Harry Gatterer zum Thema Mitgefühl/Emotion in der Wirtschaft, bestätigen meine Erfahrungen von Beratungen in Unternehmen zu den Themen Kommunikation, Leitung und Führung und Persönlichkeit, dass ein kognitiver Verhaltensstrainingsansatz allein nicht die Wirksamkeit erreicht, wie ein Training, das Mitgefühl, Persönlichkeitsentwicklung und Resilienz mit einbezieht.

Mitgefühl

Mitgefühl ist für alturistisches Verhalten unabdingbar. In seinem Buch Changemanagement benennen Doppler wie auch Ruppert Lay soziale und personale Kompetenz als Grundkompetenzen für Führungskräfte an. Kommunikation bzw. aktive Interaktion (Watzlawick) ist ohne Einbeziehung des Anderen kaum anschlussfähig. Kommunikations- und Rhetorikausbildungen, die alleinig Techniken des Zu-Redens trainieren und nur kognitv ausgerichtet sind, erfüllen die Anforderungen der heutigen Praxis nicht. Sie gererieren Erfolg, doch ein Grund und der Sinn bleiben auf der Strecke (siehe hierzu auch Victor Frankl, Schulz von Thun, Roberto Assagioli).

WS ist mit Karst, Segler und Gruber überzeugt, dass eine Commitmentkultur ohne Mitgefühl, einer alterozentrierten Haltung nicht wirksam sein kann. Ohne das entsprechende Klima und eine fördernde Unternehmenskultur ist Commitment nicht umsetzbar.
Übung in Mitgefühl wirkt als wechselseitige Belebung, was aus Unternehmenssicht Potenziale und Innergie (ein Begriff den WS prägte als von innen kommende Energie) freisetzt, weil weniger rivalisierende emotionale Strebungen bremsend wirken. Soziale und emotionale Fähigkeiten werden aufgebaut und eingeübt. Feindaggression wandelt sich in Gegeneraggression um.

Die sozialen und emotionalen Kompetenzen der Führungskräfte als Multiplikatoren der Unternehmens- und Wertekulturschaffen ein Arbeitsklima, das Commitment ermöglicht. Das gelingt, wenn die Führungskraft einem biophilen Humanismus folgt und somit sensibel für die Gefühle des Umfelds ist.

Fremdsteuerung

Führen bedeutet immer auch Fremdsteuerung. Und Fremdsteuerung ist für Menschen ein erheblicher Demotivator. Nur wer neben altruistischem Verhalten sich auch alterozentriert zu verhalten weiß, wird die ihm zugeordneten Menschen auch erreichen und fördern. Standardisierte "smarte" Zielabsprachen reichen für eine Wirksamkeit nicht alleinig aus.

- Haben Sie oder Ihre Personalabteilungen diese Thematik bei Fortbildungsmaßnahmen einbezogen?

- Kennen Sie als PE die Haltungen, die Interaktionskompetenz, Personalität und Persönlichkeit, das Lebenswissen neben der fachlichen
Kompetenz, die ideologische Offenheit und Feldkompetenz der jeweiligen Führungskräfte?

Liebe deinen Nächsten wie dich selbst

„Wer wahres Mitgefühl anderen gegenüber entwickeln möchte, muss sich selbst erst eine Basis schaffen, auf der er Mitgefühl kultivieren kann - und diese Basis ist die Fähigkeit, sich mit seinen eigenen Gefühlen verbinden und für sein eigenes Wohlergehen sorgen zu können… Um sich um andere kümmern zu können, ist es notwendig, für sich selbst zu sorgen.“

Tensid Gyatso, der 14. Dalai Lama

Weshalb das Thema berührt?

Mitgefühl spielt innerhalb der Kommunikation (aktiven Interaktion) eine wesentliche Rolle (Menschliche Kommunikation, Watzlawick). Das Thema "Mitgefühl" erschließt sich dem Menschen nur, wenn er entspannt ist. Das zeichnet sich durch Ruhe und Zufriedenheit aus. Diese Menschen wirken überlegt, stimmig (Echtsein -ohne Fasade und Maske, C. Rogerts), authentisch (E. Fromm) und was die Wirksamkeit (Francois Jullien) betrifft: Sie vermögen mehr zu leisten und gehen mit Druck scheinbar spielerisch um, weil Sie ein gefühl der Kohärenz (Antonowsky) haben.

Das Training des Mitgefühls ist eine Kultivierung dessen, was schon da ist. Es geht, wie Corssen und David Bohm schreiben, um ständiges entfalten, einfalten und neu verbinden.
Mitgefühl geht von der Annahme aus, dass alle Menschen das Potenzial haben, sich den uns angeborenen Veranlagungen und Qualitäten wie Liebe, Anteilnahme und Achtsamkeit, Wertschätzen öffnen können, um achtsam und nicht-wertend den anderen Menschen und auch sich selbst zu begegnen. Fühgrungskräfte, die diese Spielregel nicht auf ihrem Bildschirm haben, wird sich Mitgefühl kaum erschließen. Sie beschränken sich lediglich auf die Funktion ohne das Potenzial der Tiefe bei MitarbeiternInnen zu schöpfen oder zu aktivieren.

Dazu gehören auch Menschen, die meinen, mit formalen Techniken Beziehungsaufbau über triviales Spiegeln, banale Vorbildrollenspiele oder Nachmachen aufzubauen. Solche Beziehungen degenerieren zu einem alleinigen Reiz-Reaktions-Mechanismus (Beispiele: Dale Carnegie in seinen ersten Werken oder triviale NLP-Lehren). Das Oszillierende und Einzigartige einer menschlichen Begegnung, vermag eine rein funktional ausgerichtete Haltung nicht zu entflammen.

Wie würden Sie sich fühlen, wenn Menschen nur manipulativ verkehrten?

Ich halte Trainings, die Mitgefühl und Emotionen nicht theamtisieren und trainieren, kaum für wirkungsvoll. Es sind Nullsummenspiele für das Unternehmen. Die Wirkung gleicht einem Echo, das schnell verhallt. Resonanz bewirkt, sich gegenseitig zu verstärken, gemeinsam zu schwingen und dem Menschen so einen neuen Raum mehr Möglichkeiten zu öffnen.

Mitgefühl-Training kann ermöglichen (beispielhafte Aufzählung):

- eine aktiv interagierende Beziehung aufzubauen, zu pflegen und zu halten,
- aktiv zuzuhören und dem Anderen hingewendet zu sein,
- mit-einander zu sprechen, statt zu zu-reden,
- Menschen zu führen und anzuleiten, um eine befruchtende Beziehung - aufzubauen, die in vielen Bereichen
druckfreies Arbeiten eröfnnet.
- Druck eher auszuhalten als von ihm erdrückt zu werden
- Sehen und Hören lernen,
- wachsende Konzentrationsfähigkeit,
- innere Ausgeglichenheit
- sichere Beherrschung von negativen Emotionen (Niedergeschlagenheit, Neid, Ärger, Haß, - Unterlegenheitsgefühlen, Unluststimmungen..)
- soziale Aktivität (ohne Aktivismus)
- zunehmendes Einfühlungsvermögen in Personen und Situationen.

Als Fernziele:

- Selbsterkenntnis, Selbstfindung, Selbstverwirklichung
- Integration von Individualität und Sozialität

Empathie und Mitgefühl

Mitgefühl und Empathie werden meist synonym gebraucht. T.Singer und Mathieu Ricard differenzieren. Siehe auch Wikipedia, wo neuere Betrachtungen der folgenden Darstellung folgen.

Mitgefühl bedeutet: Ich kümmere mich um den anderen, ich sorge für ihn (dissoziiert). Mitgefühl kann einmal als Emotion und Motivation (i.e.S.) und andererseits als Einstellung zum Leben (Seinsweise = i.w.S.) begriffen werden (Tania Singer, Boris Bornemann).

Mitgefühl basiert weniger auf eigenen Erfahrungen. Vielmehr sehen wir eine Person in Not und haben das Bedürfnis, zu helfen. So hegen wir etwa Mitgefühl für misshandelte Tiere – auch ohne ihren Schmerz real nachempfinden zu können.

Empathie heißt: Ich fühle das, was ein anderer Mensch fühlt (assoziiert); Im Griechischen: leiden und fühlen. Empathie geht so in Richtung Mitleid. Das bedeutet, dass zum Beispiel ein Coach, der mitleidet, seine Handlungskompetenz verliert, weil er sich auf die emotionale Stufe der Person stellt, der er helfen soll (s.u.).

Es ist mir aber bekannt, dass gewöhnlich nur zwischen Empathie (Mitgefühl) und Mitleid differenziert wird, was gundsätzlich in der Praxis ausreichend ist.

Über Mitleid emanzipieren

Bei Mitleid empfinden Menschen den Schmerz des anderen buchstäblich im eigenen Nervensystem nach. Das bedeutet, dass diese Menschen ihre Neutralität aufgeben (Simon/Weber). Sie verlieren ihre Kompetenz als Führungskraft ("Führungskraft als Coach"), da sie sich von den Emotionen haben anstecken lassen. Die Neutralität ging verloren.

Man wird oftmals automatisch von allen möglichen Gefühlen wie Schrecken, Angst, Wut oder Besorgnis überschwemmt, wenn dramatische Geschehnisse von Menschen persönlich oder in den Medien berichtet werden.
Über sich aufgeklärte Menschen (Führungskräfte) verstehen aber sich über ihre Gefühle zu emanzipieren, sie treten
innerlich einen Schritt zurück und aus entscheiden dieser Position, welche Verhaltensweisen hilfreich erscheinen.

Mitleid ist wie ein Bauchgefühl, das einen förmlich wegschwemmt. Das andere Extrem wäre die kalte, nüchterne Rationalität, die sich von Gefühlen überhaupt nicht beeindrucken lässt. Mitgefühl (Compassion) dagegen liegt irgendwo dazwischen. Es spricht das Herz an, hört aber ebenso auf die Gründe der Vernunft. Das ist genau das, was Führungskräfte heute kultivieren müssen, um resilient zu werden und in einer komplexen kaum mehr zur Gänze erfassbaren Welt agieren und überleben zu können. Es bedeutet auch zu lernen, nicht in Polaritäten zu denken, sondern im Spannungsfeld zwischen den dialektischen Polen zu oszillieren. Ruppert Lay, Schulz von Thun oder WS weisen Wege, wie es gehen kann.

Die Realität

Wie in Büchners Bühnenstück „Dantons Tod“ ergeben sich viele Menschen in ihr Leid und leben in der Überzeugung, dass etwas falsch läuft, weil es Ihnen „halt“ nicht mitgegeben wurde: Diese Menschen geben ihre Selbstbestimmung und Selbstverantwortung ab. Sie ergeben sich einem Fatalismus und daraus folgender schleppen Angst, Panik, Depression, Wahnvorstellungen, Wut und Zorn, Selbstvorwürfen, Selbsthass oder persönliche Fehler.

Die Tür öffnen

Die Tür zum Potenzial zu öffnen, kann fast einem „Erleuchtungserlebnis“ ähnlich sein. Sie erkennen ihre Innergie und fühlen, dass Sie sich kontrollieren können. Sie lernen in den evolutionären Fluss des Lebens zu steigen und beginnen stromaufwärts zu schwimmen. So nähern Sie sich Ihrer Quelle wie spirituelle Mystiker in West und Ost es berichten.

Sich in Selbst-Mitgefühl zu üben, bedeutet Einsicht über sich zu gewinnen und sich über Emotionen zu emanzipieren. Der Mensch ist nicht mehr dem Lauf seiner Geschichte und seiner Umwelt machtlos unterworfen. Der Mensch lernt, die Schatten-Potenziale (Köster) zu erkennen, anzunehmen und über tiefes Mitgefühl zu einem freudvolleren Erleben seiner eigenen Wirklichkeit zu gelangen. Rogers, Fromm oder Cohn weisen darauf hin, iwe wichtig es ist, die notwendigen und hinreichenden Qualitäten für die innere und seelische Funktion des Menschen zu fördern.

Motive

Eng verknüpft mit unserem Mitgefühl sind neben unseren Emotionen die Motive. Soziale Kompetenz unterstützt die Aufmerksamkeit, das Denkvermögen, die Gefühlswelt und unser Verhalten im sozialen Kontext. Daraus vermag die soziale Mentalität (Paul Gilbert, Der Fluss des Lebens) sich zu einer prosozialen Motivation zu formen: man interessiert sich für die Anderen (Altruismus). Man weiß sich zurückzunehmen (alterozentriert) und nimmt vermehrt die Signale aus der Außenwelt auf. Das Bewusstsein weitet sich (siehe auch bei Vaitl, Veränderte Bewusstseinszustände).

Schattenseiten des Mitgefühl

Empathie hat auch ihre Schattenseiten. Der empathische Reflex verführt leicht dazu, auf falsche Weise zu reagieren. Bei Untersuchungen deuten die ersten Ergebnisse darauf hin, dass Empathie rachsüchtiger zu machen scheint. Wenn Menschen von Straftaten wie sexuellen Übergriffen hören, versetzen sich einige von ihnen besonders stark in das Opfer hinein. Diese so empathischen Personen wollen eher, dass der Schuldige zu einer längeren Gefängnisstrafe verurteilt wird – und dass er leidet. Solche Rachegefühle, die aus Empathie für die Opfer entstehen, können zu Vergeltungsschlägen verleiten, die niemandem helfen (wer sich vertiefen will, lese bei R.Lay oder Nolte, Aggression).

Beispiel:
Menschen sollten aufpassen, sich nicht von empathischen Reflexen gefangen nehmen zu lassen. Wenn Politiker einen Krieg beginnen, appellieren sie häufig an unsere Empathie. Sie erzählen uns vom Leid der Einwohner des Landes, in das sie einmarschieren wollen. Wir sehen die Bilder einzelner Opfer. Und wir tendieren dazu, die wichtigen Fragen zu ignorieren: Wie viele Menschen werden sterben müssen, wenn wir tatsächlich gewaltsam in die Geschicke dieses anderen Landes eingreifen?

Empathie scheint uns auch zu blenden.

Wenn man sich nur von Empathie leiten lässt, wird das wenig hilfreich sein. Empathische Einfühlung motiviert uns nämlich auch dazu, eher den Menschen zu helfen, die uns ähneln und die ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Menschen, die anders sind als wir, die zum Beispiel eine andere Hautfarbe haben oder aus einer anderen Kultur stammen, ignorieren wir eher.
Das bedeutet: Empathie kann uns parteiisch, ja sogar fanatisch machen. Deshalb warnt Prof. Bloom vor zu viel Empathie (i.S.v. Mitleid) und plädiert, mehr compassion, also das Mitgefühl, zu trainieren (s.o.O.).

Mitgefühl ist erlernbar

Die Neurowissenschaft sagt, dass Empathie und Mitgefühl als Ergebnis von Fertigkeiten zu sehen sind (T.Singer, Mathieu Ricard a.a.O.). Das bedeutet, durch Training können diese Bereiche verbessert werden. Durch das Training entstehen im Gehirn „plastische Veränderungen“. Nur Führungsseminare die diese Thematik einbeziehen werden die Manager befähigen, die notwendige Kultur in einer komplexeren Welt wirksam steuern zu können. Die "Meditationsrunden für Manager" zielen darauf, Mitgefühl als Teil der Persönlichkeit zu entwickeln und seine altruisitischen Potenziale wahrzunehmen.

Das interozeptive Gewahrsein ist die Fähigkeit, den inneren Körperzustand wahrnehmen zu können. Das kann sich auf Organe, Atmung oder z.B: Muskelspannung beziehen. Menschen denen es schwer fällt, Emotionen wahrzunehmen, fällt es auch schwer, bei Anderen, Emotionen wahrzunehmen. Damit werden Aufmerksamkeit und interozeptives Gewahrsein wesentlich für das Erleben von Mitgefühl (Bornemann/Singera.a.O.).

Was ich wollte

Mein Ansinnen in den kurzen Zeilen war, Menschen anzuregen, sich personal weiter in Richtung Mitgefühl entfalten zu wollen. Dass das Training des Mitgefühls unabdingbar für Führungskräfte ist, die in komplexen Prozessen bestehen wollen, scheint unzweifelhaft (Doppler, Lauterburg; Changemanagement, Feel the Change).


Bei Fragen oder Dialogbedürfnis: Wolfgang Schneider