Ruhe finden

Die Lehre der Berge

p7210966
Wer die innere Botschaft der Berge hören will, muss innehalten.

Berge sind schweigende Lehrer

Für viele Menschen scheint diese gewaltige, stille Welt eine Belastung. Zu sehr sind wir in den Lärm eingewoben: Autos auf Straßen, Flugzeuge, Maschinen, Sirenen,...., so dass wir uns eher in noch mehr Lärm flüchten und eher verdrängen, was sich da in unserem Innersten wegduckt. Oftmals bemerken wir dieses Andere erst, wenn der Körper uns zu einer Zwangspause veranlasst.
Dieses majestätische Schweigen (der Berge) ist wie eine erste Therapie, die die Berge für uns abgelenkte, verwirrte, suchende und oberflächliche Menschen bereit halten, schrieb Reinhold Stecher treffend.

Wer sich aber auf die Sprache der Berge einläßt, wird Sie verstehen lernen und das bedingt auch nicht, mit dem Klettern beginnen müssen.
Ich habe viele laute und fröhliche Menschen erlebt, die angesichts einer Felswand oder eines Gletscherfeldes am frühen noch fast dunklen Tages plötlich verstummten.

Die erste Lehre der Berge ist: Schweigen lernen, um zur Ruhe zu kommen. Hören Sie!

Der Berg ruht

"Über allen Gipfeln ist Ruh'", beginnt ein Gedicht von Goethe.
Wir leben schnell. Wir haben viele Dinge erfunden, die schneller laufen, schneller arbeiten, schneller speichern und rechnen, schneller kontrollieren, als Menschen es je könnten. Atemlos laufen wir dem Tempo hinterher, weiter, weiter, der nächste Termin wartet schon! Kein Mehr ist noch genug.
An die Nabe der Zeit, wo sich alles langsamer dreht, kommen wir nicht. Wir hasten von Punkt zu Punkt und haben das Gespür für das zeitlos Gültige, die größeren Bögen verloren. Die Geschindigkeit gibt uns allenfalls den nächsten Schritt frei.

Langsamkeit

Aber über allem unsteten kurzfristigenTreiben ruhen die Berge. Sie waren schon da für die Steinzeitjäger, die Pilger im Mittelalter, den Tourist, die ersten Bergsteiger. Sie sind immer noch diesselben geblieben. Zugspitze, Watzmann, hoher Göll, grüßen mich heute noch genauso, wie sie mich als Kind gegrüßt haben und wie sie wohl die ersten Wanderer in die Täler gerüßten. Die Berge verziehen keine Miene. Die Uhren der Versteinerung ticken nicht in Sekunden.

Was willst Du, hektischer, getriebener Mensch, ruft der Berg. Der Stein über den Du gerade gestolpert bist, war schon da, bevor du warst und er wird noch da sein, wenn Du nicht mehr da bist. "Warte nur, balde ruhest du auch," schließt das Gedicht von Goethe (s.o.).

Nähern wir uns einem Berg, wird der Schritt langsamer, sorgfältiger und bewusster. Menschen atmen von ganz alleine tiefer. Der Berg holt den Mensch in die Ruhe. Die Kulisse und die Weite taucht langsamer auf, als beim Blick aus der Gondel oder wenn Sie mit dem Auto die Bergstraße hinauf fahren. Schritt für Schritt, Griff für Griff gewinnen Sie an Höhe. Der Berg vermag uns ein wenig aus der Diktatur des Alltags, der Termine und zahlreichen Beschleuniger zu holen.

Berge lehren aufzumerken

Allenthalben suchen die Menschen resilienter zu werden, um den Druck aushalten zu können. Viele Menschen wollen aus dem sich immer schneller drehenden Hamsterrad ausbrechen. Achtsamkeit und Wahrnehmen können sind die neuen Begriffe.
Am Berg lernen Menschen die Kunst des Verweilens. Er verlangt, Pausen zu machen und zwingt uns in einen anderen Rhythmus.

Resilienter werden, heißt auich, zu erkennen, dass formale Techniken und befolgen von Regeln, allein nicht ausreicht. Der Mensch muss sich bereit machen, um dieses Mehr an Geist zu spüren.
Wahrnemen können bedingt auch, langsamer zu gehen und zu verweilen, um nicht das vorbeigehende nur blitzlichtartig zu erfassen.

Zuzulassen, sich einzulassen und dazu sich niederzulassen, sei der Prozess meinte Dürkheimer übersetzte so ZEN.

Der Berg und Umkehren

Der Berg mahnt zur Demut. Nirgends ist Erfolg und Scheitern so nahe, wie am Berg. Es gilt die Zurückweisung des Berges wahrzunehmen und den rechten Augenblick zu nutzen. Der Berg zeigt uns manchmal die wahre Größe, die Menschen oftmals vor immer höher, immer weiter, immer extremer oftmals aus den Augen verlieren. Der Berg verdeutlicht, wann wir einer irrealen Vorstellung nachlaufen und nicht nur die Natur in die Schranken weist, sondern auch unsere eigenen Grenzen aufzeigt. Manches Mal zeigte sich die Größe darin, umkehren zu können und von dem Traum zu lassen, bevor es zum Alptraum wird.

Theresa von Avila werden die klugen Worte zugeschrieben, dass wir das Unveränderliche annehmen sollen und uns dem zuwenden sollen, was für uns machbar ist. Das sei nicht so zu verstehen, dass wir keine Visionen und Träume haben sollen, das meint zu erkennen, wann etwas Illusion ist. Und es meint zu erkennen, welchen Preis wir für unser Ziel unter Umständen zahlen. Mitunter ist am Berg der Preis das Leben.

Mit dem Herzen sehen

Es wird uns beim Bergsteigen klar, was ein alter Indianer gesagt haben soll, nachdem er nach langer Autofahrt sich an den Strassenrand setzte und auf die Frage, was er mache, sagte: Ich warte noch, bis mein Herz nachkommt.

Die Schnelligkeit und der Lärm bewirken einen Verlust der Schau des Herzens. Die letzten Menschen werden nur noch blinzeln, war eine Erkenntnis von Nietzsche. Die Augen sind überfordert von den maßlosen und widersprüchlichen Informationen unserer Tage. Unsere Augen hasten von Punkt zu Punkt und nehmen den Menschen gegenüber kaum mehr wahr. Und diesem äußeren Hasten folgte unserer innerer Blick.
Aus allen Winkeln ruft es, dass uns der umfassende Blick fehle, dass Begegnungen mit anderen Menschen nicht mehr tief seien. Der tiefere Blick echten Schauens, Selbst-Annahme ohne wenn-und-aber und Selbst-Wertschätzung, bedingen, Schauen zu lernen und sein Herz zu sehen: "Zum Sehen geboren, zum Schauen bestellt - dem Turme verschworen gefällt mir die Welt..." (Goethe).

Die Berge ermöglichen Schauen in die Tiefe, in die Höhe und in die Ferne. Sie ermöglichen Überblick, weil sie überragend sichtbar sind. Vom Berg aus umarmt man die Welt.

Was David Bohm beim reden empfiehlt, mit dem "Herzen zu sprechen", gilt analog für das Sehen. Menschen sollten wieder lernen, mit dem herzen zu sehen.

Die Brunnen der Berge

Aus Bergen sprudeln Quellen. Wer jemals mit der Hand das klare Wasser schöpfte und trank, begreift die geflügelten Worte: Ad fontes; zurück zu den Quellen!. Es ist kein Wegducken von den Tagesthemen, es ist ein Bewusst-werden, wo der Fortschritt herkommt. Es ist der Geburtsort eines großen Stromes. Die Quellen liegen immer höher als die mächtigen Gewässer in den Niederungen. Diese Quellen erschließen sich dem, der den beschwerlichen, steilen und das weglose Suchen gegen die Strömung in Kauf nimmt. Es bedeutet naturgemäß die Hinwendung zu mehr Reinheit, Klarheit, Transparenz der Gedanken, Konzepte, Grundsätze und Werte. Bekanntlich nimmt die Wassergüte nach unten hin ab. Man muss flußaufwärts schwimmen und je weiter man flussaufwärts sich gegen die Strömung anstemmt, desto kraftraubender wird der Weg.

Zurück zur Quelle bedeutet, gegen den Strom sich zu stemmen. Der sich dafür entschieden hat, nimmt Widerstand, gegen den Hype, manchmals Verständnislosigkeit und Raunen in Kauf. Es ist ein Weg, auf dem man sich nicht treiben lassen kann.

Doch wer ihn beschritten hat, versteht, weshalb das Bild der Quelle Kinder fasziniert und Wanderer erfreut und weshalb die Quelle zum Urbild der Energie, der Lebensfreude und Geburt für die Menschen wurde, die uns in den Bergen oft begegnen.

Die Weisheit der Berge

Die Botschaft der Berge bedarf keines Events. Der Berg ist in seiner Größe und Allmächtigkeit. Er lehrt Demut. Stehen wir vor dem Berg mit seinen mächtigen Feslwänden, ist es wie ein Lächeln über die menschlichen Programme und Heilsbotschaften nach immer mehr und immer höher. Der Berg ist einfach. Er benötigt kein ausgeklügeltes Know-how oder ein paar Psychotricks.
Ideologien, die den Menschen zum Mittelpunkt allen Denkens erhöhen und zum Maß aller Dinge machen, zerstört ein einziger Felssturz, eine Lawine. Dann wird der Berg zum mahnenden Berg. Die Schönheit verdunkelt und die zwergenhafte Größe und scheinbare Allmacht des Menschen wird bewusst.
Lassen wir den Berg einfach auf uns wirken. Wirken, in seinem einfachen da sein. Er behält seine Macht auch, wenn am Abend die farblichen Schattierungen aus der Wand verschwinden.
Berge öffnen sich jedem, der sie empathisch sehen will. Einlassendes Sehen ohne den Trubel der Lifte und den menschlichen Versuchen, mit immer spektakuläreren Seilbahnen und Konstruktionen.
Der Berg sagt zu jedem Menschen: Komm!
Zu dem Menschen, für den ein kleines Blümlein aus dem kahlen Fels, noch ein Wunder geblieben ist.

Der felsige Berg

Der Fels kann in der Abendsonne rot aufleuchten und in der Früh vergoldet wirken. Er ist schön und zeigt sich in vielen Gestalten. Er vermittelt Festigkeit, Halt und Stütze. Qualitäten, die einen Menschen in dieser vielfältigen Welt stärken und stützen können. Die Stärke des Felses kommt aus seinem Innen, das noch nicht erodiert ist und brüchig wurde.

Flucht in die Berge

Oftmals waren die Berge in der Geschichte Fluchtort für die Menschen vor Verfolgung und Flucht vor dem lauten und ungerechten Alltag. Viele seehn den Berg als Leistungsbeweis für Kraft und Wagemut. Manche dieser Menschen erliegen der todesverachtenden Kühnheit. Für manche fängt da das Leben erst an, weil sie eine berufliche Halbheit oder Untüchtigkeit nur mit dem Blick auf den Freiutagnachmittag ertragen, denn dort fängt ja das Leben erst an. Das mag dem einen oder anderen Menschen als Episode bei einer Krise helfen. Aber Flucht als Dauerzustand, ist nicht die Lehre der Berge. Flucht ist ein getrieben werden. Wo ist die stolze Erscheinung, das majestätische Selbst des Berges?

Die Sprache der Berge

Um den Berg zu verstehen, müssen wir schweigen, stand am Anfang der wenigen Gedanken. Sprechen braucht ein gegenüber. Selbst der Kartäuser oder indische Eremit hat in seinem Gott ein Du, das ihm eine Zwiesprache ermöglicht. In dem Einlassen auf die Farbenspiele, die aus den Tälern hochziehenden Nebel, dem feinen Singen in der Luft im Hochgebirge oder den rauschenden Wasserfällen und von Gemsen losgetretenen Steinen, geben die Berge sich zu verstehen.
Die Sprache in den Bildern kann berauschen. Der Vorteil, diese hinterlassen keinen Kater. Es sind aber jederzeit abrufbare Erinnerungen, die Nachhallen.
Diese Sprache zu verstehen bedarf nur eines: Der Ruhe.

Nachwort

Die Assoziationen zu den Bergen möchten anstoßen, die inneren Quellen als Ressourcen zu erspüren und ausgetretene Wege zu verlassen. Sie richten sich an Menschen, die mehr suchen als Fitness und Leistung. Menschen, die spüren, dass da noch etwas ist, das es zu entdecken gibt. Die Lehre der Berge führt den Menschen nach innen und zur Quelle seiner Energie. Je mehr er sich der inneren Burg nähert, je merh der Mensch Wall für Wall bezwingt, desto mehr öfnet sich ihm das Innen, das wir gemeinhin Seele nennen. Das Wasser aus der Quelle wird klarer und lebendiger.
Die Berge sind meine Bilder. Mögen Sie die Anregung in der Natur, im Wald oder dem Meer finden: Ersetzen Sie das Bergbild.

Wollen Sie an einer Wanderung ins Innen am Berg teilnehmen, sprechen Sie mich einfach an.