Die Wucht der Sprache

Kommunikation ist mehr als Zusprechen oder Logorroe.

bilderarchiv-03-07-2010-079
Wucht










Emotionale Sprache, die verbindet

Die Überredungskünstler mögen viele Siege erringen, doch verlieren Sie nahezu jeden „Krieg“. Faust meinte: „Wenn du`s nicht fühlst, wirst du es nicht erjagen!“ Nach Ridderstrale und Nordströmpgibt es vier grundlegende Weisen zu kommunizieren, indem Sie

den Verstand,
das Gefühl,
die Intuition oder/und
das Verlangen ansprechen.

Der Verstand gehorcht den Gesetzen der Logik, das Gefühl bezieht sich auf Liebe, Zuwendung und Zuneigung, Intuition hat mit dem ersten Eindruck, Sympathie undVertrauen zu tun. Verlangen bedeutet den triebhaften Aspekt anzusprechen: Lust und Sehnsucht. Intuition 

Wesentlich ist, dass man die richtige Mischung findet. Gelingt es Ihnen, werden Sie den Anderen erreichen. Das bedingt in Zeiten der Informations - und Reizüberflutung der Fähigkeit der Aufmerksamkeit, um zum Menschen vorzudringen. Viele Menschen beherrschen es gut an den Verstand zu appellieren: sie sind Naturwissenschaftler, Ingenieure, Rechtswissenschaftler, Facharbeiter, Techniker und Betriebswirte. Sie alle spielen das Spiel der Logik. Menschen werden im Beruf überwiegend für ihren analytischen Verstand belohnt.

Sehnsuchtvolle Sprache

Der heutige Alltag im Leben ist von verschlungenen Abläufen und rauschhafter Suche nach Innovationen bestimmt. Wer Menschen führen will oder muss, braucht die Fähigkeiten, wie man Menschen dazu anregt, unbekanntes und unsicheres Terrain zu betreten. Dazu gilt es inne zu halten. Erst in diesem Raum, vermag der Andere zu hören. Prof. Noel Tichy (Michigan) meint, dass man dazu eine phantasievolle und bewegende Sprache sprechen muss, die neben der sachlichen Kompetenz auch von Gefühlen, Intuition und Sehnsüchten handelt. Erst das vermag zum Beispiel ein Unternehmens- oder politisches Konzept in ein Evangelium zu verwandeln, dem die Menschen wie einem Glaubensbekenntnis folgen. Marken wie Apple, Vespa, Fiat, Mini vermitteln Lebensweisen, die zu Creed, Cult und Community werden und Menschen fesseln.
Wir wissen, dass glückliche Menschen Aufgaben besser bewältigen, aber in wie viele Firmen haben Mitarbeiter Spaß und fühlen sich überwiegend glücklich.

Persönlichkeit

Als materieller Träger der Sprache kommt der Persönlichkeit eine zentrale Rolle zu. Eine Persönlichkeit zeichnet Haltung und legitime Autorität aus, was wir gemeinhin Charakter nennen, weil Charakter ein kommunikatives Ereignis ist. Immer kommunizieren Menschen miteinander. Auf eine neue Form der Kommunikation mit Maschinen oder Formen der Gespräche mit dem Wald gehe ich in diesem Blog nicht ein. Viele meinen, Kommunikation sei ein rein formaler , funktionaler und technokratischer Vorgang. Das meinen viele , die Methoden des NLP oder gewisser rhetorischer Schulen anwenden, um Menschen zu Aussagen oder Verhalten zu bewegen. Das ist manchmal richtig, aber immer falsch. Denn der Mensch besteht nicht nur aus der kommunikativen Ebene. Erst in dem Zusammenspiel der Kommunikation mit der sozialen und der emotionalen Ebene spricht der ganzen Mensch. Drei Haltungen wertschätzenden menschlichen Umgangs miteinander formulierte Carl Rogers:

1. Einfühlendes nicht-wertendes Verstehen,
2. Achten-Wärme-Sorgen,
3. Echt-Sein - ohne-Fassade/Maske-Sein - Inneres Übereinstimmen.

So wird Persönlichkeit zur Chance und zu einem Adelstitel: "He is a mensch, schrieb Fritz Cramer." Das umfasst auch die Gesamtheit sehr individueller sittlicher Eigenschaften eines Menschen, die in seinem Verhalten und Handeln, seinen Werten oder Urteilen, seinen Erwartungen, Interessen und Bedürfnissen zum Ausdruck kommen.

Die absichtslose Sprache (phatische Sprache)

Zwei Menschen sagen einander „Auf Wiedersehen“ - leichthin, floskulös, trivial und doch: wie voll von Bedeutung. Anders als in zahlreichen Seminaren gelehrt, ist das ziellose und sinnlose Geplauder, das in eine Kategorie (Sache, Appell, Selbstkundgabe, Beziehung) einzuordnen, schwer fällt, sozial bedeutungsvoll. Das Schnacken ('Quatschen' süddeutsch) ist informationslos, wie Dolf Sternberg schreibt und dennoch entlastend und gleichsam gemeinschaftsbildend.
Novalis klagte, kaum einer merke, dass das verächtliche Schwatzen die unendlich ernsthafte Seite der Sprache ist. Denken Sie an das Getuschel von Jugendlichen, den Small-Talk im Stiegenhaus, das Kantinengetuschel.

Der Gedanke der sozialen Bindekraft oder wie Locke sagt: „Das große Band, das die Gesellschaft zusammenhält“, sei ein Sinn des sinnlosen Gesprächs. Wörter transportieren nicht primär Dinge wie Gedanken und Erfahrungen, sondern oft das pausenfüllende, beruhigende Nichts.

Schweigen eines anderen ist ein beunruhigender Faktor. Révész meint, Sprache sei ein angeborenes Phänomen zu gegenseitiger Annäherung, Fühlungnahme, Zusammenarbeit und Verständigung. Sie bewirke geistigen Kontakt. Vermag der Beginn einer Beziehung zu werden.

Überwältigen

Es gibt jede Menge Tricks, den Zuhörer die Ohren spitzen zulassen, ihn einzuschwören oder zu übervorteilen. Die Strategien des Zum-Lachen-Bringen, des Zum-Akzeptieren-Bringen usw. sind aber ganz andere Programme. Es geht nicht darum der Eloquenz eines Heinz Erhard nachzueifern. Hier soll es um die Idee des Überwältigens gehen. Überwältigen geschieht mit dem Menschen. Überwältigen lässt Emotionen explodieren und bedarf keines Beweises. Überwältigen ergreift, packt.
Überwältigen bedingt Menschsein und Menschsein erreicht man nicht über Fassaden oder Masken. „He is a Mensch“ (s.o.) ist nicht nur die Adelung einer Persönlichkeit sondern eines Menschen schlechthin (H. Hoffmann, Fritz!). Dem Prinzip des Überwältigens* gelingt ohne „Beweisführung“ eine ganze Kette von Bedeutungen, Interpretationen, Bildern, Sequenzen, Einsichten und so weiter in Fluss zu bringen. Hier eröffnen Sie sich Möglichkeiten, neue Relationen bis hin zu einer neuen Geschichtsschreibung.

Der Mensch ist käuflich

Der Mensch lässt sich verzaubern und täuschen. Etwas weniger poetisch formuliert: Der Mensch ist käuflich. Stimmt die ideelle oder materielle Belohnung, ist der Mensch zu fast allem zu bewegen.

Der Preis unterscheidet sich nach Höhe und Art und nach dem einzelnen Menschen. Alle Menschen kann man aber zu Handlungen veranlassen, die keinesfalls in ihrem Interesse liegen, schreibt Ruppert Lay in ‚Manipulation durch die Sprache‘. Wenn dem so ist, liegt es für einen über sich selbst aufgeklärten Menschen nahe, sich des jeweiligen Preises von sich selbst und dem Anderen bewusst zu sein oder zu werden.

Der Preis hängt von verschiedenen Faktoren ab. Wollen Sie Macht ausüben, müssen Sie den Preis des anderen kennen. Preise können sein:

1. Interesse an dem Inhalt der Aussage
2. Die emotionale Besetzung
3. Die Werthaftigkeit, die dem „Wort“ beigemessen wird
4. Individuelle Prinzipien und Überzeugungen
5. Die psychische Labilität oder Verfasstheit der angesprochenen Person

Ausgeliefert

Wir Menschen sind sehr viel mehr als wir gemeinhin ahnen, anderen Menschen ausgeliefert. Laufend knüpfen Menschen neue Bänder zu anderen Menschen, werden diese Verbindungen verstärkt, gefesselt oder fesseln sich selbst durch Interaktionen. Diese Interaktionen sind das Nervensystem sozialer Verbände. Und diese Interaktionen laufen überwiegend unbewusst ab.
Wir alle üben Macht aus oder versuchen es wenigstens; im Großen wie im Kleinen. Und so sollten wir lernen, aufzumerken, um zu erkennen, wenn ein anderer Mensch Macht auf uns ausübt oder ausüben will; vor allem, wenn er Schaden zufügen will.
Ich unterstelle, dass Sie diese Zeilen lesen, um sich einmal selbst zu emanzipieren und zum anderen Methoden zu lernen, um andere Menschen zu überzeugen oder sie zu einem Ziel zu bewegen. Der wertschätzende Rahmen in dem dieses Spiel der Fremdbestimmung abläuft, sei ein ethischer Raum, wie von Erich Fromm als „biophiles Postulat“ formuliert: eigenes und fremdes personales Leben sei eher zu mehren, denn zu mindern (Näheres: Anatomie der menschlichen Destruktivität).

Stellen Sie sich auf die kommunikativen Bedürfnisse des Anderen ein

Die Befriedigung eines bestehenden Bedürfnisses wird stets als lustvoll empfunden, sei es das Streben nach Selbstverwirklichung oder Selbstentwicklung.

Bedürfnisse können sein:

• Physiologische Bedürfnisse (Nahrung, Schlaf, Sex, Eigenre- vier..)
• Sicherheitsbedürfnisse (Geborgenheit, Familie, Schutz vor...)
• Sozialbedürfnisse (Eingliederung in Primärgruppe, Beziehung, 
Zuwendung..)
• Anerkennungsbedürfnisse (Lob, Anerkennung, Aufstieg in ei
ne sozialen Rolle..)
• Selbstbedürfnisse (Selbstachtung, Selbsterfüllung, Selbstverwirklichung)
• Kommen Sie bestehenden Einstellungen entgegen. 
Im Verstehen geschieht die Verschmelzung zweier Welten. Verstanden wird nur das, was die
„eigene Frage“ ist. Wollen Sie eine Meinung vorbringen, die vom Gegenüber akzeptiert werden kann, muss diese den Interessen, Kenntnissen,
Erwartungen und Einstellungen dessen entsprechen.
• Betonen Sie die positiven Seiten des Inhalts. 
Das ist trivial und dennoch sehr wirkungsvoll. Es gilt die Kunst des Verschweigens der negativen
Seiten zu üben.
• Ein weiterer Gesichtspunkt ist, positiv besetzte Wörter zu verwenden, die angenehme Gefühle erwecken.
• Sprechen Sie das Wir-Gefühl an. 
Hier appellieren Sie an das Solidaritätsgefühl, Freundschaft und Liebe, die gemeinsame Abteilung,
gemeinsame Zweckorientierungen ... 


Dennoch: Schalten Sie nie Ihren Verstand aus. Er ist das Kontrollorgan, das hilft, sich über sublime Bedürfnissee zu emanzipieren. Das geschieht, wenn Sie zwischen funktionaler und personaler Kommunikation (Beziehung/Kontakt, Selbstdarstellung, Appell) unterscheiden. Spielt sich Wesentliches überwiegend auf der personalen Ebene ab, wird es nicht selten funktional maskiert. Werden personalkommunikative Bedürfnisse fortwährend unterdrückt oder abgewiesen, hat dies nicht selten Antipathiewiderstände zur Folge. Oftmals erkennen Sie das an größeren Distanzen und flacherer Modulierung.

Sensibilisierung

Maskenträger und Fassadenklempner versuchen das zu kaschieren. Unterstützt wird das häufig durch Seminare zu „Körpersprache“. Das sei ein grober Kunstfehler, meint Rupert Lay, da es die Spontaneität des Ausdrucks mindert und an den Anderen falsche Signale über die kommunikative Situation gesendet werden. Sensible Zuhörer und Zuschauer werden das unschwer bemerken. Der Sprecher wirkt nicht stimmig. Vertrauen baut sich so kaum auf.
Schulen Sie also Ihre Kompetenz bei der Beobachtung von Distanzverhalten, Modulation der Stimme und der Sprache. Was sich in Sprache ausdrückt, kann nicht durch sie ausgedrückt werden, schrieb Wittgenstein (TLP4.121). Lernen Sie zwischen den Zeilen zu lesen, wie etwa mit der Milton-Erickson-Sprache. Die Beobachtung können Sie täglich bei Präsentationen,Vorträgen oder Besprechungen schulen, indem Sie den Vortragenden unter den hier genannten Gesichtpunkten würdigen.

Die emotionale Sphäre des Partners erreichen

1. Die Aussage muss auf ein vorhandenes oder gewecktes Bedürfnis treffen
2. Die Aussage muss im sprachlichen Horizont des Partners geschehen.
3. Die Aussage muss im Wir-Feld (Koordination) erfolgen; nicht im Ich-Du-Feld (Subordination)
4. Stimmiges Zuhören
5. Die Aussage muss darauf gerichtet sein, Angst, Scham, Schuldgefühle oder Minderwertigkeitsgefühle abbauen
5. Ernsthaftigkeit der Interaktion
5. Gefühl eines gemeinsamen Ziels
6. Stimmigkeit der Aussage (Denken, Fühlen und Sprechen weisen in eine Richtung)

Psychische und psychosoziale Bedürfnisse können sein: Macht, Geltung, Selbstachtung; Anerkennung, Geborgenheit, Dazugehören; Freundschaft, Kameradschaft, Liebe; und im aggressiven Bereich: Sieg, Kampf, Streit, Rechthaberei. Können diese primären oder sekundären Bedürfnisse länger nicht befriedigt werden, werden oft kompensatorische Bedürfnisse entwickelt. Es kommt zu nekrophilen Gewohnheiten, die das Befriedigungsdefizit kompensieren sollen. Diese Verhalten ist insoweit neurotisch, als das Ziel nie erreicht werden wird. Beispiele sind Konsumsucht, Arbeitssucht, übermäßiger Alkoholkonsum oder z.-B: der Drang gegen jede Notwendigkeit schnell Auto zu fahren.

Sprachgewalt

Ich gehe davon aus, dass Sie um die Macht dieser Empfehlungen wissen. Dennoch gibt es im Leben Situationen, wo Sie Gedanken wirkungsvoll an die Frau und den Mann oder auch an die „Masse“ bringen müssen. Die folgenden Vorschläge habe ich von erfolgreichen Demagogen abgeguckt. Klemperer stellt die Wirkweise dieser Sprache in seinem Buch LTI vor. Worte können wie winzige Arsendosen sein: sie werden unbemerkt geschluckt, sie scheinen keine Wirkung zu haben, und nach einiger Zeit ist die Giftwirkung da und kann tödlich enden. Slemperer lernt uns richtig zu sehen und nicht zu schauen im Sinn einer Show. das eher ein gelenktes Sehen ist.
Ein anderes Buch von Kübra Gümüsay: Sprache und Sein, macht auf eine andere Weise die Macht der Sprache bewusst.

Werden Sie sensibel bei folgenden „Sprachangeboten“:

1. Die Sprache sei volkstümlich und simpel
Goebbels: Weil wir die Sprache des Volkes sprachen, haben wir das Volk erobert.“

2. Der Redner stelle wenige Grundbehauptungen auf
Huxley: „Politiker und Geistliche haben die Neigung, verwickelte Fragen übermäßig zu vereinfachen.“

3. Man wähle geeignete Schlag– und Reizwörter
Shaw: „Ein guter Schlachtruf ist die halbe Schlacht.“

4. Reizwörter und Grundbehauptungen sind unermüdlich zu wiederholen.
Kleist: „Was man dem Volk dreimal sagt, hält das Volk für wahr.“

5. Der Redner übertreibe.
Cicero: Alles, was man für böse, beschwerlich und verwerflich hält, stellt der Redner greller dar…“

6. Man verwische Grenzen zwischen Wahrheit und Lüge.
Protagoras: „Über jede Sache kann man zwei reden halten.“

7. Man verneble überhaupt.
Hamilton: „Setzt dich eine Frage in Verlegenheit, dann richte es so ein, dass du nichts klar ausdrückst, sondern im Allgemeinen und Weitläufigen schwebst. Notiere die schwachen Worte und widerlege sie, lass die starken ruhen.“

8. Den Gegner ringe man mit allen Mitteln nieder.
Hamilton: „Erkläre dem Gegner, was er hätte tun müssen, um das zu erreichen, worauf er abzielte; falls das nicht reicht: verleumde ihn.“

9. Vor allem ziele der Redner aufs Gefühl.
Hitler: „Es gilt das Instinktmäßige zu wecken und aufzupeitschen.“
Cicero: „Gewinne die Gemüter der Menschen und leite ihre Neigungen.“

So sensiblisiert, werden Sie den Menschenverachtern nicht so leicht auf den Leim gehen.

Abschließende Hinweise

Es gibt keine Patentrezepte zur Machtausübung der Sprache, außer eher trivial erscheinende Gebote:

Macht durch die Sprache kann bei einzelnen wie auch bei Gruppen ausgeübt werden. Die Techniken sind nicht in allen Punkten identisch.
• Es gibt keine Technik, die allen gerecht werden kann. 

• Unterschätzen Sie niemals, Haltungen, Prägungen, Überzeugungen, Gewohnheiten und Vorurteile. Gegen sie zu motivieren, ist meist sinnlos
und endet leicht in einem Abbruch der Kommunikation.
• Versuchen Sie die Bedürfnisse herauszufinden und sprechen Sie diese an.
• Bedenken Sie, dass die Bedürfnisbefriedigung der Erwartung entsprechen muss.
• Prüfen Sie laufend die Wirkung. Sie ist niemals selbstverständlich.
• Sozial ausreichend sensibilisiert zu sein, ist meist wichtiger als ein spezielles Techniklernen und -üben. Damit sind wir wieder bei den Facetten
der Persönlichkeitsentwicklung angelangt, die es zu üben gilt, um in Interaktionen nicht so leicht zum Spielball zu werden.

Bei Fragen, lassen Sie uns miteinander reden: Ich freue mich, von Ihnen zu hören oder lesen: Kontakt