Wenn es stimmt, was Wittgenstein schrieb, dass sich in Sprache mehr ausdrückt, als nur die gesprochenen Worte, wäre es dann nicht nützlich, zwischen den Zeilen Lesen zu lernen?
Ziel
Viele Menschen – vor allem im öffentlichen Raum – verwenden die Sprache, um eine bestimmte Wirkung zu erreichen. Ob die Wirkung sinnvoll und moralisch ist, will ich nicht bestimmen. Doch mein Ziel ist, Sie zu sensibilisieren, was Sprache bewegen kann: zum Guten wie zum Bösen.
Enzensberger sagte: „Ein Wort habe mehr Vernichtungskraft als 1000 Maschinengewehre.„
So Sie wahrnehmen und erkennen, was mit den Worten mitschwingt, können Sie den Gehalt der Aussage erfassen und selbst entscheiden, ob Sie dem Gesagten zustimmen oder es ablehnen.
Machtausübung
Machtausübung ist immer Fremdbestimmung und beschneidet die Freiheit eines Menschen; zum Wohl oder Unwohl. So geben Menschen zum Beispiel in einer Demokratie Freiheit ab, um gewisse Vorteile für sich und die Gruppe zu erreichen. Doch Demokratie bedeutet nicht nur, ein Wahlrecht für eine Partei zu haben, sondern vor allem diese auch absetzen zu können (Karl Popper; Die offene Gesellschaft und ihre Feinde), so sie die Erwartungen nicht erfüllt.
- Ist es nicht nützlich, das Spiel der manipulativen Sprache zu erkennen, um nicht zum Spielball machthungriger Menschen zu werden?
Dem Menschen stehen grundsätzlich zwei Verhaltensweisen offen:
- Man beherrscht das Spiel mit der Sprache, um zu erkennen, was der Gesprächspartner vor hat,
- oder man wird beherrscht.
Mein Ansinnen ist, der Punkt 1, bei dem Sie ihre Freiheit behalten und eigenverantwortlich entscheiden.
Sprachliche Machtausübung
Rupert Lay schrieb, es gäbe keine Patentrezepte gegen eine Machtausübung mit Sprache. Dem mögen manche Sprachtrainer widersprechen, doch sie verkennen die unzähligen Verhaltensmöglichkeiten der Menschen, so die Eigenbestimmtheit eines Menschen unterstellt wird.
Macht durch Sprache kann beim Einzelnen, Gruppen und Massen ausgeübt werden. Sicher finden Sie Beispiele zu jeder Variante. Victor Klemperer analysiert in seinem Buch „LTI“ die Sprache des Dritten Reichs. „Worte können sein wie winzige Arsendosen: sie werden unbemerkt verschluckt, sie scheinen keine Wikrung zu tun, und nach einiger Zeit ist die Giftwirkung da.“
Metaphern
Auf eine andere sprachliche Konstruktion wies George Lakoff und Elisabeth Wehling hin: die Metapher und die Sprache als Metapher. Wenn wir dem Neurologen Gerald Hüther folgen (Die Macht der inneren Bilder), konstruiert das Gehirn Bilder. Das verdeutlicht die Wirkkraft eines Metaphernbildes.
- Haben Sie sich die benutzten Sprach-Bilder verschiedener Institutionen genauer angesehen?
- Welcher Bildwelt entspringen die verwendeten Bilder: dem Krieg, der Natur, Familie, der Medizin, Religion….?
Metaphern sprechen einen tieferen „inneren“ Rahmen in uns an, der durch frühere Prägungen und Ereignisse z.B. durch Eltern, in der Erziehung oder einer Ausbildung gelegt wurde. Erinnern Sie z.B. die Sprachschöpfungen wie „Achse des Bösen“ (bei Lakoff: Bush, beim Irakkrieg). Dahinter verbrigt sich ein religiöser Rahmen, der uns vorgibt, was gut oder böse sei.
Einige Beispiele
Vielfach sprechen Regierungen von Steuerleichterung. -erleichterung klingt harmlos und beschönigt die Last der Menschen dennoch viele Steuern zahlen zu müssen. Dazu gehört auch das Wortspiel mit Gebühren, Abgaben, Beiträgen… Eine Brandmauer bezeichnete ursprünglich im Bauwesen den Schutz gegen Übergriff von Flammen zwischen Gebäuden. Und vor welchem Brandherd soll eine Brandmauer uns heute (metaphorisch verwendet) schützen? Mauern trennen und ziehen Grenzen. Erhöht das eine Kommunikation zwischen Menschen oder Gruppen?
Lakoff gibt uns in seinem Buch viele weitere Beispiele metaphorischer Sprache und so Sie den öffentliche und privaten Alltag betrachten, erhalten Sie zahlreiche weitere Sprachbilder.
- Wie wäre es, Sie hörten einmal bei Aussagen von Politikern genau hin, was Worte zwischen den Zeilen noch unausgesprochen transportieren?
- Was bezweckt der Gesprächspartner mit diesem Wortgebrauch?
Viele Aussagen und Worte verändern unbemerkt Denkstrukturen iund Emotionen. Verstärkt und beschleunigt wird heute der Effekt durch die geschickte Nutzung der Medien und technischen Möglichkeiten im Netz.
Trivialität
Viele der Vorgehensweisen der Manipulatoren erscheinen trivial. Deren Wirkung jedoch bleibt. Menschen kennen diese Wirkungen aus der Werbung, Presse und sozialen Medien. Sie überfluten uns täglich. Wir können kaum ausweichen und die Masse an Informationen bewusst verarbeiten. Menschen streben danach, Komplexität zu reduzieren.
In dieser immer unübersichtlicheren Welt, sehnen sich die Menschen nach Sicherheit und Gewissheit. Auf den ersten Blick reduzieren Vereinfachungen die Vielfalt. Andere Manipulatoren nutzen die beängstigenden Nachrichten des Alltags. Sie überzeichnen den Sachverhalt ins Extreme, um die Aussage noch wirksamer hervorzuheben, und liefern wiederrum eine einfache Lösung, oftmals einfach dadurch, dass ein Sachverhalt abgelehnt wird. Doch wo ist die Lösung? Diese bleibt vielfach verborgen.
Um zu manipulieren, sei die Sprache eine einfache, wusste schon Cicero, ein großer römischer Redner.
Man kann nicht nicht manipulieren
Wohl kaum ein Mensch hätte das erste Lebensjahr überlebt, hätte er nicht (instinktiv) die Umwelt als Baby manipuliert. Die Verhaltensweise scheint uns angeboren auch wenn die Verlautbarung anfangs noch wenig mit Sprache zu tun hat und das Schreien eher lustvoller Selbstvollzug oder lediglich ein Hinweis auf Nahrungsaufnahme war.
Der beschwichtigenden Mutter unterläuft hier ein gravierender Fehler: ein braver Säugling schreie nicht ohne Grund, denn Menschen täten nichts ohne Grund. Diese Überzeugung übersieht, dass es sich zumindest zu Beginn des Lebens, um instinktive, triebhafte Verhaltensweisen handelt, die wir auch im Tierreich finden.
Wenn der Mensch „nicht nicht manipuliert werden kann“, wäre es dann nicht sinnvoll, zu üben, um Versuche personale Freiheiten einzuschrenken, zu bemerken?
Die Persönlichkeit
Eine starke Persönlichkeit wird manche Manipulationen erkennen und nicht so leicht zum Spielball werden.
Eine hinsichtlich Emotionalität, Denken und Selbst stabilisierte Persönlichkeit wird negative Emotionen eher beherrschen oder Bedürfnisse und Erwartungen pareto-optimal zu koordinieren. Dieser Mensch wird eher bemerken, wenn ein anderer Mensch versucht, in das fremde Selbst steuernd einzugreifen.
- Prüfen Sie die Wirkung von Aussagen anderer Menschen, Politiker oder von Veröffentlichungen in sozialen Medien?
Sozial
- Haben Sie sich schon einmal gefragt, was das „soziale“ bei den Medien wie Facebook und Co. sei?
Soziales Handeln sei jede Form der Realisation sozialer Kontakte im Sinne ihrer Verstärkung oder Bewahrung. Aber hat Facebook auch die psychische und soziale Gesundheit im Blick? Ist Ghosting- click und weg bist Du – ein den sozialem Umgang von Menschen entsprechendes Verhalten?
Ein Lehrer gab mir einmal auf den Weg: sozial ausreichend sensibilisiert zu sein, sei wichtiger als ein spezielles Üben von Debattier- und Kommunikationstechniken. Das bedeutet sich klar zu machen, was ˋsozial´ meint.
Wahrnehmung
Viele Menschen übersehen, dass die Welt durch Sinneswahrnehmungen aufgebaut wird, die emotional verarbeitet und unterschiedlich interpretiert werden. Überwiegend wird das Wahrgenommene aus dem Unbewussten übernommen. Otto Scharmer weisst in seiner Theorie U darauf hin, dass die Wahrnehmung der Kern für Erkenntnis sei. Je mehr und je breiter Sie wahrnehmen, um so vielfältigere Phänomene entdecken Sie und um so eher hinterfragen Sie die oftmals plakativen Aussagen von anderen Menschen.
- Prüfen Sie das, was Sie nicht begehren ebenso ausführlich wie das Begehrte?
Prüfe besonders, wenn etwas dem eigenen Interesse entspricht, empfahl mir ein weiser Freund.
Macht in Gruppen
Bevor die Menschen versuchen, einen anderen fremd zu beeinflussen, verhalten sie sich nach deren Vorgaben, Erlenntnissen. Oftmals bildet sich so über die Zeit eine Vertrauensebene, die Präsenz und Aufmerksamkeit ermöglicht. Das kann durch anfangs scheinbar belanglose zufällig erscheinende Treffen geschehen, deren Ziel ist, Vertrauen zu schaffen, bevor der bislang verborgene Wille offensichtlich wird. Der Manipulator hat schon im Vorfeld längst die “ „Opfer“ analysiert und spricht genau die Bedürfnisse oder etwa Ängste an, um diese nach einer gewissen Zeit zu nutzen.
Wiederholen
Geschickt wiederholen die Manipulatoren das Gewollte beständig. Sie wissen, dass Menschen durch wiederholen lernen. Nach ausreichender Wiederholung halten Menschen den Sachverhalt für glaubhaft und übernehmen die Meinung.
Fremdsteuerung
Die folgenden Punkte seien nicht erwähnt, um Sie einzuladen, nun Menschen zu manipulieren, sondern um zu erkennen, wenn Sie fremdgesteuert werden. Sie können dann im Idealfall selbst entscheiden, ob Sie folgen oder nicht. “ Nicht alles ist Gold, was glänzt“, sagt der Volksmund. In der heutigen vielschichtigen Welt ist es nützlich, sich seinen Freiraum des Denkens zu bewahren und auch zu verteidigen.
Deshalb weise ich auf einige Möglichkeiten hin, die Menschen manipulieren können.
Werden Sie hellhörig, wenn
- eine volkstümliche und einfache Sprache für schwierige Themen verwendet wird,
- wenige Grundbehauptungen aufgestellt werden,
- nur Schlag- oder Reizwörter gewählt werden,
- unermüdlich wiederholt wird,
- die Redner übertreiben,
- die Grenezen zwischen Wahrheit und Lüge verwischt werden,
- man ausschließlich auf das Gefühl zielt,
- und Gegner von Meinungen mit allen – auch verwerflichen Mitteln nieder gerungen werden.
Und zum Schluss
Worte machen Geschichte. Worte werden oft manipulatorisch verwendet, weil alles, was zwischen Menschen spielt, mit Sprache geführt oder verführt wird.
Kritisch wird es, wenn sich Menschen zu Massen ballen und ihre Individualität für eine totalitäre Sozialität aufgeben oder (oftmals unbewusst) verlieren. So verlieren sich auch Wahrheit und Sinn unter der Oberfläche und es kommt so immer wieder zu Eruptionen des Unsinns und der Unwahrheit.
Die rücksichtslose Manipulation macht den Anderen zum bloßen Mittel und raubt ihm die Würde. Dieser so Manipuliernde verkennt, das Prinzip Humanismus. Erich Fromm setzte sich mit dieser Form des manipulativen Menschseins in „Anatomie der menschlichen Destruktivität“ ausführlich auseinander.

