Mit leisen Schritten ins Gehirn

von | Aug. 15, 2026 | Kommunikation, Manipulation

Wenn es stimmt, was Wittgenstein schrieb, dass sich in Sprache mehr ausdrückt, als nur die gesprochenen Worte, wäre es dann nicht nützlich, zwisc hen den Zeilen Lesen zu lernen?

Ziel

Viele Menschen – vor allem im öffentlichen Raum – verwenden die Sprache, um eine bestimmte Wirkung zu erreichen. Ob die Wirkung sinnvoll und moralisch ist, will ich nicht bestimmen. Doch mein Ziel ist, Sie zu sensibilisieren, was Sprache bewegen kann: zum Guten wie zum Bösen.

Enzensberger sagte: „Ein Wort habe mehr Vernichtungskraft als 1000 Maschinengewehre.“ 

So Sie wahrnehmen und erkennen, was mit den Worten mitschwingt, können Sie den Gehalt erfassen und selbst entscheiden, ob Sie dem Gesagten zustimmen oder es ablehnen.

Sprachliche Machtausübung

Machtausübung ist immer Fremdbestimmung und beschneidet die Freiheit eines Menschen; zum Wohl oder Unwohl. So geben Menschen zum Beispiel in einer Demokratie Freiheit ab, um gewisse Vorteile zu erreichen. Doch Demokratie bedeutet nicht nur ein Wahlrecht für Regierungen zu haben, sondern vor allem diese absetzen zu  können (Karl Popper; Die offene Gesellschaft und ihre Feinde).

  • Ist es nicht nützlich, das Spiel der manipulativen Sprache zu erkennen, um nicht zum Spielball machthungriger Menschen zu werden?

Dem Menschen stehen grundsätzlich zwei Möglichkeiten offen:

  1. Man beherrscht das Spiel mit der Sprache, um zu erkennen, was der Gesprächspartner vor hat,
  2. oder man wird beherrscht.

Mein Ansinnen ist, der Punkt 1, bei dem Sie ihre Entscheidungsfreiheit behalten.

Sprachliche Machtausübung

Rupert Lay schrieb, es gäbe keine Patentrezepte gegen eine Machtausübung mit Sprache. Dem mögen manche Sprachtrainer widersprechen, doch sie verkennen die unzähligen Verhaltensweisen der Menschen. Dennoch will ich versuchen, auf verschiedene Manipulationsmöglichkeiten hinzuweisen, damit Sie bei deren verbaler Verwendung Sie diese erkennen.

Macht durch Sprache kann beim Einzelnen, Gruppen und Massen ausgeübt werden. Sicher finden Sie Beispiele zu jeder Variante. Victor Klemperer analysiert in seinem Buch „LTI“ die Sprache des Dritten Reichs. „Worte können sein wie winzige Arsendosen: sie werden unbemerkt verschluckt, sie scheinen keine Wikrung zu tun, und nach einiger Zeit ist die Giftwirkung da.“ 

Auf eine andere sprachliche Konstruktion wies  George Lakoff und Elisabeth Wehling hin: die Metapher. Wenn wir dem Neurologen Gerald Hüther folgen, macht sich das Gehirn Bilder. Das verdeutlicht die Wirkkraft einer Metapher.

  • Haben Sie sich die benutzten Sprach-Bilder verschiedener Parteien genauer angesehen?
  • Welcher Bildwelt entspringen die verwendeten Bilder: dem Krieg, der Natur, Familie, der Medizin, Religion….?

Metaphern sprechen einen tieferen „inneren“ Rahmen im Gehirn an, der durch frühere Prägungen z.B. in der Erziehung oder Ausbildung gelegt wurde. Erinnern Sie die Sprachschöpfungen wie „Achse des Bösen“. Dahinter verbrigt sich ein religiöser Rahmen angesprochen, der uns sagt, was gut oder böse sei.

Vielfach sprechen Regierungen von Steuerleichterung. -erleichterung klingt harmlos, obwohl Menschen dennoch viele Steuern zahlen müssen. Eine Brandmauer stammt ursprünglich aus dem Bauwesen zum Schutz gegen Übergriff von Flammen zwischen Gebäuden. Und vor welchem Brandherd soll sie uns heute (metaphorisch verwendet) schützen? 

Lakoff gibt uns in seinem Buch viele weitere Beispiele metaphorischer Sprache und der öffentliche Alltag und die Presse zeigt ebenfalls zahlreiche Verwendungen.

  • Wie wäre es, Sie hörten einmal bei Aussagen von Politikern genau hin, was Worte zwischen den Zeilen noch bedeuten?
  • Was ist bezweckt der Gesprächspartner mit diesem Wortgebrauch?

Viele Aussagen und Worte verändern unbemerkt  Denkstrukturen im menschlichen Gehirn. Verstärkt und beschleunigt wird heute der Effekt durch die geschickte Nutzung der Medien und dialogen Möglichkeiten.

Trivialität

Viele der Vorgehensweisen der  Manipulatoren erscheinen trivial. Doch die Wirkung bleibt. Menschen kennen diese Wirkungen aus der Werbung und sozialen Medien. Sie überfluten uns täglich. Wir können kaum ausweichen.

In einer immer unübersichtlicheren Welt, sehnen sich die Menschen nach Sicherheit und Gewissheit. Manipulatoren nutzen die beängstigenden Nachrichten des Alltags. Sie überzeichnen den Sachverhalt ins Extreme und um die Aussage noch wirksamer hervorzuheben, wählen sie den rechten Zeitpunkt.

Die Sprache sei eine einfache, wusste schon Cicero, ein großer römischer Redner.

Man kann nicht nicht manipulieren

Wohl kaum ein Mensch hätte das erste Lebensjahr überlebt, hätte er nicht (instinktiv) die Umwelt als Baby manipuliert. Die Verhaltensweise scheint uns angeboren auch wenn die Verlautbarung anfangs noch wenig mit Sprache zu tun hat und das Schreien eher lustvoller Selbstvollzug oder lediglich ein Hinweis auf Nahrungsaufnahme war.

Der beschwichtigenden Mutter unterläuft hier ein gravierender Fehler: ein braver Säugling schreie nicht ohne Grund, denn Menschen täten nichts ohne Grund. Diese Überzeugung übersieht, dass es sich zumindest zu Beginn des Lebens, um instinktive, triebhafte Verhaltensweisen handelt, die wir auch im Tierreich finden. 

Wenn der Mensch „nicht nicht manipuliert werden kann“, wäre es dann nicht sinnvoll, zu üben, um Versuche, seine Freiheiten einzuschrenken, zu bemerken?

Die Persönlichkeit

Eine starke Persönlichkeit wird manche Manipulationen erkennen und nicht zum Spielball werden. 

  • Prüfen Sie die Wirkung von Aussagen anderer Menschen, Politiker oder von Veröffentlichungen in sozialen Medien?
  • Haben Sie sich schon einmal gefragt, was das „soziale“ bei den Medien wie Facebook und Co. sei?

Soziales Handeln sei jede Form der Realisation sozialer Kontakte im Sinne ihrer Verstärkung oder Bewahrung. Aber hat Facebook auch die psychische und soziale Gesundheit im Blick? Ist Ghosting- click und weg bist Du – ein den sozialem Umgang von Menschen entsprechendes Verhalten?

Ein Lehrer gab mir einmal auf den Weg: sozial ausreichend sensibilisiert zu sein, sei wichtiger als ein spezielles Üben von Debattier- und Kommunikationstechniken. das bedeutet auch für sich klar zu machen, was sozial bedeutet.

Eine hinsichtlich Emotionalität, Denken und Selbst stabilisierte Persönlichkeit wird negative Emotionen eher beherrschen oder Bedürfnisse und Erwartungen pareto-optimal zu koordinieren. Dieser Mensch wird eher bemerken, wenn ein anderer Mensch versucht, in das fremde Selbst steuernd einzugreifen.

Wahrnehmung

Viele Menschen übersehen, dass die Welt durch Sinneswahrnehmungen aufgebaut wird, die wir emotional verarbeiten und interpretieren. Überwiegend wird das Wahrgenommene aus dem Unbewussten übernommen.  Otto Scharmer weisst in seiner Theorie U darauf hin, dass die Wahrnehmung der Kern für Erkenntnis sei. Je mehr und je breiter Sie wahrnehmen, um so mehr Phänomene entdecken Sie und um so eher hinterfragen Sie die Meinungen und Überzeugungen  von anderen Menschen.

  • Prüfen Sie das, was Sie nicht begehren ebenso ausführlich wie das Begehrte?

Macht in Gruppen

Bevor die Menschen versuchen, einen anderen fremd zu beeinflussen, verhalten sie sich nach deren Vorgaben, Erlenntnissen. Oftmals entsteht so eine Vertrauensebene, die Präsenz und Aufmerksamkeit ermöglicht. Das kann durch anfangs scheinbar belanglose Treffen sein, die Vertrauen schaffen sollen. Nicht verschwiegen soll werden, dass hier der Manipulator schon genau die Zielgruppe analysiert hat, welche Gesinnungen, Wünsche, Bedürfnisse oder etwa Ängste vorliegen, um diese gezielt anzusprechen.

Die Manipulatoren verpacken ihre wirklichen Ziele und Vorstellungen geschickt. Das Gewollte wiederholen sie beständig. Menschen lernen auch durch wiederholen, Nach ausreichender Wiederholung halten Menschen den Sachverhalt auch für glaubhaft.

Die folgenden Punkte seien nicht erwähnt, um Sie einzuladen, nun Menschen zu manipulieren, sondern um zu erkennen, wenn Sie fremdgesteuert werden. Das scheint mir in der heutigen Gemengelage der Welt wichtig zu sein, um sich seinen Freiraum des Denkens zu bewahren und selbst zu entscheiden.

Werden Sie hellhörig, wenn

  • eine volkstümliche und einfache Sprache für schwierige Themen verwendet wird,
  • wenige Grundbehauptungen aufgestellt werden,
  • nur Schlag- oder Reizwörter gewählt werden,
  • unermüdlich wiederholt wird,
  • die Redner übertreiben,
  • die Grenezen zwischen Wahrheit und Lüge verwischt werden,
  • man ausschließlich auf das Gefühl zielt,
  • und Gegner von Meinungen mit allen – auch verwerflichen Mitteln nieder gerungen werden.

Und zum Schluss

Worte machen Geschichte. Diese werden oft manipulatorisch verwendet. Alles, was zwischen Menschen spielt, wird von Sprache geführt oder verführt. Kritisch wird es, wenn sich Menschen zu Massen ballen und ihre Individualität für eine totalitäre Sozialität aufgeben oder (oftmals unbewusst) verlieren. So verlieren sich auch Wahrheit und Sinn unter der Oberfläche und es kommt so immer wieder zu Eruptionen des Unsinns und der Unwahrheit.

Die rücksichtslose Manipulation macht den Anderen zum bloßen Mittel und raubt ihm die Würde. Dieser so Manipuliernde verkennt, dass Menschsein immer im Ich-Du spielt. Erich Fromm setzte sich mit dieser Form des manipulativen Menschseis in „Anatomie der menschlichen Destruktivität“ ausführlich auseinander.

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