Zuhören

von | Jan 14, 2021 | Kommunikation

Das Verstehen scheint mir nur zu gelingen, wenn wir hinter dem Wort hergehen.

 

Höre

ist das Leitwort von Benedikt als Führungskraft eines Klosters im 6. Jahrhundert.  Heute scheint die Besinnung auf den Tipp Benedikts zuzuhören, sinnvoll und aktuell.

Über-Hören

Laut ist es in der Welt.

Kommen Menschen zusammen, beenden sie das offene Zuhören relativ früh. Viele Menschen betrachten den Beitrag des anderen nur als Vorspann zum eigenen Reden. So überhören die Menschen wesentliche Details, obwohl das Hören Bedingung für Verstehen ist.

Ich, Ich, Ich allerorten

Was zwischen den Zeilen mit- bzw. nachschwingt, wird mit dieser auf das eigene Ich bezogenen Haltung nicht wahrgenommen. Es wird nur an der Oberfläche der Persönlichkeit des Anderen gekratzt.

Ist es so verwunderlich, dass sich der Andere abwendet?

Oft liegt hier ein Grund für Aggressionen, die je nach Persönlichkeit des so Überhörten, dann in Wut und Ablehnung umschlagen.

Motivation

Untersuchungen der Neurobiologie zu den menschlichen Motivationssystemen zeigten, dass diese Zentren abschalten, wenn sich der Mensch dem Anderen nicht zuwendet. Das geschieht überwiegend unbewusst. Die Abgelehnten wenden sich ab.

Nicht-Zuhören

Nicht zuzuhören, passiert täglich. Dem Hörer geht etwas durch den Kopf; schon hört er nicht mehr zu. Er wird abgelenkt, weil der Empfang einer Nachricht auf dem Smartphone durch Vibration angezeigt wird. Oft liegt es am Tisch.

Was soll das signalisieren?

Oder dem Gespräch wurde zu wenig Zeit eingeräumt. In Lehrveranstaltungen, wenden sich Menschen oft ab, weil sie dauernd online (mit dem Vibrieren des Smartphones) sind und bekommen vom Lehrvortrag wenig mit. Ich beobachte Menschen in Restaurants, die zusammen zum Essen gehen, wobei aber jeder mit seinem Mobilephone oder dem Posten in Instagram beschäftigt ist. Weshalb gehen diese Menschen gemeinsam zum Essen?

Privat kein Smartphone

Privat verzichte ich auf Menschen, die ihr Telefon gleich auf meinen Tisch legen! Ich habe beschlossen, dass ich mit diesen Menschen nicht mehr zum Essen gehe. Für mich ist das unhöflich. Ist das ein menschen- und alterozentriertes Verhalten? Hören bedeutet wertzuschätzen: den Menschen, der sich einem Menschen zuwendet, die Natur und die Welt durch die ich laufe.

  • Ist Einfühlen (Empathie)  in Gesprächen möglich, wenn ich eigenen Gedanken nachhänge?
  • Weshalb treffe ich mich mit einem Menschen, dem ich keinen Raum des Hörens einräume?
  • Was ist wichtiger als der mir im Gespräch gegenüber sitzende Mensch?

Miteinander reden

Miteinander-Sprechen, und das meint nicht Zu-Reden, sei der Kern  jeglicher Kommunikation.  Für Watzlawick ist Kommunikation  aktive Interktion. Hören bedeutet, dass einer schweigt, während der Andere redet. So werden Sprecher in einem Miteinander-Reden abwechselnd schweigen müssen. Beherrschen sie diese Kunst des aktiven Schweigens nicht, bleibt es ein Zureden mit einem kaum zu steuerndem Ausgang.

Der Hörer bestimmt die Bedeutung des Inhalts

Die Herausforderung  der Kommunikation ist immer: Wie mache ich es, dass der Hörer das hört, was ich hoffe, dass er hört? Immer entscheidet der Hörer, was er gehört hat oder hören will. Er ist immer frei, das zu entscheiden

Diese Kunst des Gesprächs beherrschen nur wenige. Die Wirklichkeit des Hörers zu entdecken, bedeutet, sich dem Anderen ganz zuzuwenden. Das ist der Gewinn, der ein Gespräch vielschichtig und spannend macht. Dies führt zu einem Gespräch, das Resonanz erzeugt und nicht wie ein Echo verhallt.

Das bedeutet auch nicht, allem Gesagten zuzustimmen.

Zuhören will gelernt sein.

Menschen sind oft so mit sich beschäftigt, dass sie den Anderen gar nicht hören. In verbaler Interaktion sehen sich viele nur als Geber. Für manche ist Kommunikation nur lustvoller Selbstvollzug. Wird Sprache auf Appell und Informationsfunktion zurückgenommen, erliegen diese Menschen dem Containerrealismus. Der ist längst überholt (Rupert Lay, Wie man sinnvoll miteinander umgeht). Diese Menschen unterliegen dem Missverständnis, es sei leicht herauszufinden, worin der eigentliche Kern der Botschaft eines sprechenden Menschen bestehe.  Täglich erleben wir Überraschungen, die uns aus dem Konzept werfen.

  • Nehmen Sie die überraschenden Bälle in der Kommunikation auf?
  • Ist es nicht ein Wunder, dass sich Menschen überhaupt zumindest teilweise doch verstehen?
  • Sollten wir uns nicht eher mit dem Missverstehen beschäftigen?

Sprechen ist riskant

  • Was sagt sie?
  • Was verschweigt sie?
  • Was ist der Sinn des Gesagten bzw. Geschriebenen?
  • Ist die Welt wirklich so, wie wir sie wahrnehmen?

Sprechen ist ein Schritt in eine fremde Welt.

Wirklichkeiten

Viele Physiker und Philosophen sind sich zwischenzeitlich einig, dass die Welt, die wir wahrnehmen und die Welt, wie sie „wirklich“ ist, sich unterscheidet. Wir sehen nur, was wir wissen, formulierte schon Goethe. Und das Wissen über die Welt ist bei jedem Menschen subjektiv durch viele bewusste und unbewusste Erfahrungen und Erkenntnisse, geprägt. Heinz von Förster sagte, dass die Landkarte, die wir von einem anderen Menschen sehen, schon eine Landkarte der Landkarte des Gebiets sei. Die Landkarte des Menschen als „Modell der Welt“, spiegelt nicht 1 zu 1 die reale Welt oder die Landkarte des Gebiet wider. Es ist nur dessen Struktur. Indem Menschen genau zuhören, können sie  die „geistigen Landkarten“ und den „inneren Kompass“ der Gesprächspartner bemerken. Keine Konstruktion der Welt eines Menschen gleicht der eines anderen Menschen.
Und die Entdeckungsreise in die Welt des Anderen einzudringen, beginnt mit Zuhören.

Interagieren

Verstehen wir die Hintergründe des anderen und dessen Wirklichkeiten nicht, bricht unsere Kommunikation schnell ab, geht in beliebige Richtungen oder eskaliert (s.o.). Miteinander-Reden ist aktive Interaktion (Watzlawik). Das gilt übrigens Gruppengespräche gleichermaßen. Hier mischen sich noch gruppendynamische Effekte bei.  Ohne aktive Kommunikation zerfällt eine Organisation, ergänzt Niklas Luhmann.

Empathie

Aktives Zuhören umfasst das

  • analytische,
  • verstehende und
  • das empathische Zuhören,

das neben den Worten auch die Gefühle zu erfassen sucht. Überzeugen gelingt nur, wenn es gelingt die emotionale Ebene anzusprechen.

Empathie stellt sich ein, wenn sich der Sprecher von seinen Vorurteilen, Überzeugungen und Meinungen frei machen kann. „Gefühle und Bedürfnisse wollen ernst genommen werden. Trost, Beschwichtigen, Ratschläge und Ermutigungen sind hier fehl am Platz“, sagt Marshall B. Rosenberg.

Passives Zuhören

Der Gesprächspartner gibt keinerlei Statements, sondern demonstriert Aufmerksamkeit durch Laute, Blicke der Zuwendung oder manische Rückmeldung. Unterschätzen Sie diese Form des „stillen“ Zuhörens nicht, denn Menschen sind es nicht gewohnt, länger die Klappe zu halten.
Es ist die Grundform der wertschätzenden Zuwendung. Carl Rogers bezeichnete das als aktives Zuhören. Es maximale Konzentration auf den anderen Menschen und seine Darstellungen.

Versuchen Sie vor einer Antwort 3 Sekunden zu schweigen. Sie werden bemerken, es fällt nicht so leicht.

Aktives Zuhören

Beim aktiven Zuhören handelt es sich um eine Form des Feedback im Sinne von: „Habe ich Sie richtig verstanden, das über Erfolg oder Nicht-Erfolg entscheidet.

Varianten des aktiven Zuhörens können zum Beispiel sein:

1. Paraphrasieren,
2. Zusammenfassen,
3. Nachfragen.

Drei Weisen des Zuhörens

Geduldiges Zuhören
Mit Aristoteles wird geduldiges Zuhören als Tapferkeit verstanden. Nicht gemeint sind: resignierendes Dulden, Ungeduld oder Loghoroe. Es bedingt immer auch ehrliches  Interesse. Das können Sie üben, indem Siein einem Gespräch erst antworten, wenn 3 Sek. vergangen sind.

Genaues Zuhören
Versuchen Sie immer alle vier Botschaften (Schulz von Thun: Information, Selbstdartsellung, Gefühl, Appell) in dem richtigen Verhältnis wahrzunehmen. Ungenaues Zuhören ist oft begründet in: Stress, Angstzuständen, Scham, Schuld, Mindergefühlen, Projektionen, Rückübertragungen oder starker Emotion (Neid, Zorn, Liebe, Ehrgeiz..).

Das können Sie üben, indem Sie nur das sagen, was Sie sich für das Gespräch auch vorgenommen haben.

Analytisches Zuhören
Analytisches Zuhören bedeutet schnell und sicher die sachlichen und logischen Voraussetzungen, Implikationen und Konsequenzen des Gesagten zu erkennen und mitzubedenken.
Was muss man bei einer Aussage alles herausfinden, damit man sagen kann, der Satz sei zutreffend?
Was hätte es für Folgen, wenn der Satz wahr wäre?

Michael Ende: Momo

Was die kleine Momo konnte wie kein anderer, das war zuhören. Das ist nichts Besonderes….

Aber das ist ein Irrtum. Wirklich zuhören können nur ganz wenige Menschen. Und so wie Momo sich aufs Zuhören vertsand, war es ganz und gar einmalig.

Momo konnte so zuhören, dass dummen Leuten plötzlich sehr gescheite Gedanken kamen…. Sie konnte zuhören, dass ratlose oder unentschlossene Leute auf einmal ganz genau wussten, was sie wollten. Oder Schüchternesich plötzlich frei und mutig fühlten…..

So konnte Momo zuhören.

„Das aufmerksame Zuhören ist ebenso wichtig wie das klare und verständliche Reden,“ meint Carl Rogers.

Höre!

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