Resilienz und Antifragilität

von | Mai 3, 2021 | Führung, Persönlichkeit

Die Welt erscheint zunehmend unkalkulierbar und von unvorhersehbaren Phänomenen bestimmt. Individuen, Gesellschaften und Institutionen werden durchgewürfelt. Sicherheiten sind in komplexen, globalen und digitalen Welt höchst fluid.

Was gibt manchen Menschen die Kraft, in diesen wogenden Umgebungen dennoch zu bestehen?

Widersprüchlichkeit 

Entgegen einem subjektiven Empfinden der Unsicherheit und vielfältiger Ängste, leben Menschen heute in weiten Teilen Europas – trotz allem – in einer sehr sicheren sozialen Umgebung. Weshalb die Welt den Menschen dennoch so gewalttätig und gefährlich vorkommt, ist ein psychologisches Phänomen. Das hängt unter anderem mit der menschlichen Kognition, den sozialen Netzen, den Vernetzungen und auch der Nachrichtenberichterstattung zusammen. Überwiegend werden negative Einzelerlebnisse berichtet, durch alle sozialen und öffentlichen Medien gespült, und überfluten den Menschen. 

Der menschlichen Verstand kann die Daten- und Informationsflut nicht oder kaum erfassen. All diese Teile wirken verunsichernd auf das subjektive Sicherheitsempfinden.

  • Welches Methodenreservoir steht zur Verfügung, diesen Widersprüchlichkeiten zu begegnen?

Sicherheit ein dynamischer Prozess

  • Was geschähe, wenn das laufende Streben der Menschen nach Vorhersehbarkeit ein Teil des Problems wäre?

Sicherheit zielt eher weniger auf Veränderung. Sie manifestieren eher einen Zustand. Sie ist mit den Wortren Riemanns eher auf Dauer angelegt. Heute sind die Menschen in einen fortlaufenden Prozess hineingeworfen, der laufend mit Veränderungen konfrontiert. Stehen Menschen die Einwirkungen körperlich nicht mehr durch, „fliehen“ sie oftmals in eine körperliche, pathologische oder psychische Auszeit.

Ist Widerstandsfähigkeit (Resilienz) ein geeignetes Mittel, sich diesem speziellen Anforderungen und Druck zu begegnen?

Resilienz

Das englische Wörterbuch „dict.com“ übersetzt „resilent“ mit:

  • belastbar
  • robust
  • stabil
  • elastisch
  • nachgiebig
  • strapazierbar
  • widerstandsfähig
  • federnd
  • spannkräftig

Diese Wörter beschreiben viele Bedeutungen, die mit Resilienz gemeint sind und zeigen zugleich deren scheinbare Widersprüchlichkeit. Manche Autoren ergänzen: Achtsamkeit und Mitgefühl.

TÜV-Beschreibung

Der TÜV Rheinland zertifiziert zum Resilienz-Manager und manifestiert:

  • Vorausschauendes Management in einer VUCA Welt ( VUCA meint: Volatility, Uncertainty, Complexity und Ambiguity.)
  • Wirkungsfelder resilienzfördernder Führungs- und Managementinterventionen
  • Personale Resilienz und persönliche Wirkung
  • Organisationale Resilienz
  • Resilienz im interkulturellen Kontext
  • Projektmanagement im Handlungsfeld Resilienz
  • Prozessmanagement im Handlungsfeld Resilienz

Liest man die Punkte, scheint der TÜV überzeugt zu sein, dass Resilienz nur etwas für das Management und Führungskräfte sei. Dem widerspreche ich.

Das kurze Blitzlicht zeigt, Resilienz ist umfassend, scheint in manchen Bereichen widersprüchlich.

Wege zur Resilienz

Seit 1960 beschäftigen sich Psychologen mit der psychischen Widerstandskraft und suchen nach Wegen, den Menschen einen methodischen und brauchbaren Handwerkskoffer an die Hand zu geben, um mit den Widrigkeiten des privaten und beruflichen Lebens umgehen zu lernen. Methode und Technik können helfen einen den Menschen einen Weg zu öffnen; doch der Meister weiß, wann die Methode in den Hintergrund rücken muss.

Die Technik darf nie Herr der „resilienten“ Praxis werden. Techniken sind überwiegend Gewinnstrategien, und diese müssen sich der jeweiligen Situation beugen. Ein Methodenapriori ist für ein Resilienztraining nichtg geeignet. Was in diesem Zusammenhang ein TÜV-Siegel zur personalen Fahrtüchtigkeit im Leben qualifiziert, belächelte ein befreundeter ZEN-Meister und Psychologe; es erinnere ihn an das Seepferdchen, das man im Kindergarten als Schwimmernachweis bekäme.

Salutogenese

Was „fehlende Widerstandskraft“ im Business bewirken kann, interessierte Antonowsky in den 1980igern:

  • Warum werden manche Menschen unter Druck im Arbeitsumfeld krank und andere nicht?

Verstehbarkeit und Handhabbarkeit und Sinnhaftigkeit führen nach Antonowsky zu einem Kohärenzsinn. Dieses Kohärenzgefühl wirkt auf die Gesundheit. Dabei umfasst Kohärenz sowohl ein Gefühl als auch damit verknüpfte gedankliche (kognitive) Abläufe. Möglich wird das, wenn wir annehmen, dass Körper und Geist eine Einheit bilden.

Fragen an sich selbst:
  • Empfinde ich meine Welt als verständlich, stimmig, geordnet?
  • Kann ich die Probleme und Belastungen des Alltags in einem größeren Zusammenhang begreifen und verstehen?
  • Habe ich das Gefühl, die im Leben gestellten Aufgaben lösen zu können?
  • Bin ich überzeugt, das Leben und die mich betreffenden Probleme handhaben zu können?
  • Ist mir bewusst, dass es sinnvoll ist und eineen Grund gibt, sich für meine Ziele und Aufgaben im Leben anzustrengen?
  • Was ergäbe sich, wenn Sie in ihrem Leben nach dem Koheränzsinn (Verstehbarkeit, Handhabbarkeit und Sinnhaftigkeit ihres Tuns) lebten?

Resilienz, wie ein Dopingmittel?

Bekannt ist, dass manche Menschen nicht nur im Sport, sondern auch im Studium und im Beruf stimulierende Substanzen nutzen, um ihre kognitiven Leistungen, Widerstandskräfte und Frustrationstoleranz zu steigern (Neuro-Enhancement). Resilienz scheint den Vorteil zu haben, nicht die negativen somatischen Nebenwirkungen der stimulierenden Medikamente und Substanzen zu haben. Aus diesem Blickwinkel scheint ein Training der Widerstandsfähigkeit nicht schädlich.

Übungen, die die methodische Ebene verlassen, vermögen aber erst die Innergie (= psychische innere Energie) zu zünden. Erich Fromm ist überzeugt, dass Menschen grundsätzlich über eine psychische Energie verfügen und diese nutzen können, sofern das Ego stark ist. Resilienz zu entwickeln, ist folglich immer auch Entwicklung des Selbst. Und Selbst meint das integrierte Individuum, das seine bewussten und unbewussten Inhalte  optimal zur Deckung gebracht hat.

Ob ein Resilienztraining das in 5 Tagen erfüllen kann, bezweifle ich. Doch kann es zumindest ein Anfang sein, auch spirituelle Phänomene in das Blickfeld zu stellen.

Achtsamkeit

Achtsamkeitsübungen streben ein nicht beurteilendes, undistanziertes Gewahrwerden sämtlicher Vorgänge im Körper und Geist an. Man will gewohnte und konditionierte Denk- und Handlungsmuster durchbrechen, schreibt Dieter Vaitl. Achtsamkeitsmanagement erlebt derzeit ebenfalls einen Hype.  Achtsamkeit beschreibt das Bedürfnis sich selbst im Verhältnis zu etwas zu betrachten.

Bei Achtsamkeit ist zwischen Nah- und Fernzielen zu unterscheiden. Während Nahziele mit regelmäßiger Übung bald zu erreichen sind, erfordern Fernziele oft jahrelanges Mühen.

Nahziele seinen nach R.Lay:

  • positive Lebenseinstellung,
  • Ausgeglichenheit,
  • zunehmende Konzentrationsfähigkeit,
  • Beherrschung negativer Emotionen,
  • soziale Aktivität,
  • Wichtiges von Unwichtigem zu trennen,
  • größere Wachheit,
  • Empathie,
  • Sehen und Hören lernen.

Einige Fernziele sind:

  • Selbsterkenntnis, Selbstfindung, Selbstverwirklichung,
  • Integration von Intellektualität,
  • Strebevermögen und Emotionalität von Persönlichkeit und Triebstruktur, von Arbveit und Lebenm von Individualität und Sozialität.

Meister Spiritualität

Derzeit eifern viele Menschen überwiegend fernöstlichen Übungsmethoden der Achtsamkeit nach.

  • Weshalb besinnen sich Menschen in Europa nicht ihrer abendländischen spirituellen Kultur?

Viele Mystiker und Mystikerinnen zeigten zahlreiche Übungsmöglichkeiten auf. Zentral seien hier Meister Eckhardt, Tauler, Franziskus, Benedikt von Nursia, und spanische Mystiker wie Ignatius, Johannes von Kreuz, Theresa von Avila auszugsweise genannt.

In der Achtsamkeits-Haltung erproben Menschen neuronale Plastizität. Widerstandskraft ist nicht nur, gegen etwas zu bestehen, sondern auch zu lernen, etwas anzunehmen, einfach geschehen zu lassen und aushalten zu lernen.

Antifragilität

Resilienz ist im Business angekommen. Etwa 3,7 Millionen Aufrufe zeigten sich heute im Netz bei der Suche nach dem Begriff. Spannend und bereichernd erscheint mir Talebs Fagestellungen:

  • Ersticken Resilienz und Robustheit der Menschen nicht jede Innovation oder Agilität im Kern?
  • Ist ein in Resilienz geübter Mensch heutigen Anforderungen gewachsen, wenn er mit Unordnung,  Störungen, Komplexität, unsichtbaren Mustern  konfrontiert wird?

Nach N.N.Taleb profitiert Antifraglität von Unordnung und Unbeständigkeit. Ich kenne viele resiliente Menschen, doch wenn Sie mit komplexen Sachverhalten konfrontiert werden, versagen sie. Sie greifen zu simplifizierenden Verfahren oder versuchen die Unsicherheit in Ordnungen zu zwingen. So verlieren die Menschen die immense Kraft, die diesen Dynamiken innewohnt.

Talebs Verständnis

„Resilienz erstickt Wachstums- und Evolutionsprozesse. Resilienz oder robust, ist resilent oder robust“ schreibt N.Taleb in Antifragilität. Taleb stellt ein Dreierschema vor: Fragil – Resilienz oder Robustheit – Antifragil. Das Fragile ist auf Störungsfreiheit angewiesen, für das Resiliente spielt Störungsfreiheit wie Unordnung keine Rolle und das Antifragile wächst an der Komplexität und Unsicherheit (Taleb a.a.O.).

Nehmen Sie als Beispiel einen Irrtum. Im fraglilen und resilenten Bereich sind diese selten. Ereignen sie sich, sind sie gravierend und irreversibel. Unter Antifragilität schätzt man Fehler als Entwicklungspotenzial.

Ein Beispiel aus dem organisationalen Bereich: Die hierarchische, „Boss-orientierte“ Struktur (fragil) steht dem Modell des organisationalem Spielens (Silke Seemann) in heterogenen und sich selbstorganisierenden Teams (antifragil) gegenüber. Seemann hat das am Beispiel eines Filmsets bildhaft beschrieben.

Hilft uns Resilienz in diesen autopoietischen Situationen oder ist antifragiles Verhalten und Denken nicht situationsfördernder?

Resilienz, ein Hype

Gerade im derzeitigen „Resilienz-Hype“, scheint mir Talebs Trilogie:

  1. fragil,
  2. resilient/robust,
  3. antifragil,

die Gespräche über die Resilienz zu bereichern:

  • Brauchen wir Resilienztraining oder ist im wirtschaftlichen Spielfeld nicht eine erweiternde antifragile Sicht nützlicher und wirksamer?
  • Wie sähe ein reslientes Agieren aus, das situativ antifragil sich verhalten kann?

Resilientes Verhalten ist zu lernen

Die Ärzte empfehlen, den Lebensstil zu achten und Verhaltensmuster zu lernen, die auch psychische Stabilität verleihen (Karl Lieb, LIR für Resilienzforschung). Ich ergänze Spiritualität.

Ein unterstützende Netzwerk, können Freunde, Familie, Kollegen, ein Team und Bekannte sein.

  • Was sind Ihre persönlichen Strategien, wenn wieder einmal „Land-unter-ist“?
  • Wie distanzieren Sie sich von negativen Bewertungen?
  • Was hilft Ihnen zu einer positiven Grundstimmung?
  • Wie üben Sie sich, Dinge umzudeuten?
  • Welchen Rat gäben Sie einem Freund, der resilienter, antifraglier werden will?

Zusammenblick

„Wollen Sie mit der Verhaltensweise vieler Menschen und Unternehmen brechen: „Lieber bekanntes Leid als unbekanntes Glück.“ (Corssen)?

Resilienz ist unabhängig von zeitlichen Modeerscheinungen. Im Coaching, der Therapie und im Unternehmensalltag ist Widerstandsfähigkeit seit Jahrzehnten ein Thema. Heute erleben wir wieder eine Zeit tiefgehender Verwerfungen in der Welt. Gesellschaftliche und wirtschaftliche Brüche öffnen neue Welten. Das fordert den ganzen Menschen. Doch Resilienz eines Menschen allein reicht nicht, in bei diesen Umwerfungen aktiv mitzuspielen. 

Wie wäre es, Sie öffnen sich in Richtung Antifragilität? 

Suchen Sie einen Lehrmeister  mit Fachkompetenz und Lebenswissen, der Sie begleitet. Dieser Meister sollte im tiefen  Wasser schwimmen können.

Sollten diese wenigen Zeilen und verschiedenen Aspekte angestoßen haben, ist das Ziel des Blogs erreicht.

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