Ich begegne vielen Menschen, die sprechen. Sie sprechen stilistisch, formal und grammatikalisch einwandfrei. Doch erreichen mich von diesen Menschen nur wenige. Ich höre und fühle nichts.
Gespräch ein Gesellschaftsspiel?
Nehmen wir an, ein Gespräch sei eine Weise miteinander zu kommunizieren und das Gespräch sei ein Spiel, so schaffe ein Spiel Leben, meinte Humberto Maturana. ‚Miteinander reden‘ wird dann zum lebendigen Spiel, wenn eine bestimmte Menge an Gefühlen und Gedanken ausgetauscht werden. Das spielerische Element ermöglicht dynamische Kooperationen und Spannungen im Mit- und Gegenspiel. Diese Gemengelage wird zu einer Matrix (Nährboden) für einen „kooperativen Individualismus“, in dem es nicht heißt: „Ich denke, deshalb bin ich“, sondern „Ich bin, weil Du bist“. Auf diesem Spielfeld können Selbstachtung, Toleranz und Alterozentriertheit, Wertschätzung, Resonanz und Beziehungen lebendig werden.
Es ist mir bewusst, dass meine Zeilen über das Gespräch etwas Wesentliches fehlt: die Gegenseite. Dennoch wage ich den Versuch, jenseits der Tausende klugen Bücher die vorgeben, vom Gespräch zu handeln und doch nur aufzeigen, wie man schmeichelt, manipuliert oder verführerisch klingt. Mich interessiert das Gespräch, das ein Abenteuer ist: spannend, oft fremd, an- und aufregend und immer riskant. Der Spielausgang ist offen, doch diese Weise des Gesprächs „schmeckt etwas weniger bitter“ und wir gehen reicher aus dem Gespräch.
Mitspieler
Ich lade Sie ein, das Gespräch zu beginnen, wenn Sie Menschen begegnen. Es ist kein Spiel gegeneinander, wo es nur um gewinnen geht. Vielmehr können neue Impulse aufs Gesprächsfeld durch die Beteiligten springen. Dabei greifen wir manchmal an oder taktieren, wir streicheln, sind zurückhaltend oder fordernd, erfahren Kritik und Feedback. Manchmal stolpert ein Spieler, doch Ziel des Gesprächsspiels bleibt immer, miteinander zu spielen. Das Spielende ist nicht gleich absehbar und der Spielverlauf führt in unterschiedliche Richtungen.
Gewonnen hat, wer mitspielt.
Viele Menschen ziehen ein Spiel vor, nicht zu erkennen, dass sie ein Spiel spielen, und halten ihre Blindheit für ehrlich (Watzlawick, Nardone).
Berge versetzen
Theodore Zeldin fragte, wo die „kleinen Mäuschen“ sind, die Berge versetzen. Er fand viele in der Geschichte. Diese Mäuschen hatten den Mut etwas zu tun und die Zunge und den Kopf zu gebrauchen.
So viele Menschen, die Macht und legale Autorität haben, versäumen, die Berge für uns zu versetzen. Sie sprechen absichtslos und überwiegend eigenorientiert.
Die Linkische Kommunikation verwendet Schmierstoffe, um das Ganze in einer gewissen Position zu halten, zu vernebeln, zu schummeln oder sich über den Gesprächspartner zu erheben.
Warum kommen Dinge durcheinander?
Das Durcheinander in zahlreichen Gesprächen verursachen die Beteiligten, indem sie Meinungen, Wertvorstellungen, Haltungen, Prinzipien, Verletzungen, Scham und vieles mehr direkt aber meist implizit ins Gespräch einführen.
Miteinander Reden ist eben kein Schachspiel oder ‚Fang den Hut‘. Die Spielweise des Gesprächs verlangt von den Mitspielern Mut. Der Ausgang des Gesprächs ist nicht immer vorzubestimmen (s.o.). Das Spielglück heisst Zufall, Freiheit und Offenheit. Es ist eine andere Weise, aus dem Durcheinander wieder rauszukommen.
- Diskutieren Sie im Gespräch mehr über richtig oder falsch?
- Kennen Sie die Gewissheiten ihrer Gesprächspartner?
Formale Gespräche
Natürlich gibt es formal vorgeschriebene Gesprächsabläufe. Die Regeln schreiben Institutionen, Rechtsordnungen, Handelsbräuche oder gesellschaftliche Rituale vor. Gute Spieler führten mir auch in diesen formalen Gesprächen vor, wie in diesen strengen Rahmen erweiternd gespielt werden kann.
Der Antispieler
Antispieler warten ab, versuchen ausschließlich strategisch vorzugehen und sind eher egoman. Diese Spieler spielen nur um ihren Sieg im Gespräch. Sie spielen gegen die beteiligten Spieler. Sie spielen machtorientiert, arrogant, unwissend oder nur im materiellen Interesse. Diese Spieler mögen auf kommunikativer Ebene manchen Sieg erringen, sie verlieren aber immer den Krieg.
Eine weitere Antispielergattung ist der Kontrollfreak und Zielfanatiker. Natürlich spielt man, um zu gewinnen (Wolf Lotter). Kontrollfreaks und Zielfanatiker wollen immer gewinnen, ohne zu spielenOb das mit Gesprächspartnern auf Augenhöhe funktioniert?
Unter diese Kategorie fällen auch die Schwätzer. Das sind Menschen, die nur um des Redens willen reden und jederzeit bereit sind, den Müll ihrer Großhirnrinde vor anderen auszubreiten. Man bezeichnet diese Weise als Logorrhoe.
- Kennen Sie Schwätzer aus dem öffentlichen Leben?
Die Einladung
Kommunikativ miteinander zu reden, ist eine Einladung in die Gedankenwelt des Mitspielers und diesen zum Mitspielen zu annimieren. So vermag der Zauber des Miteinander-Redens beginnen. Man akzeptiert, dass das Leben so ist, wie du sagst, dass es ist. Nach diesem Gespräch geht man mit dem Gefühl auseinander, ein gutes Spiel gespielt zu haben.
Spielverderber
Es mag sein, dass wir alle gelegnetlich als Spielverderber tätig werden. Gemeint sind hier aber Menschen, die Spielverderber sind, weil sie sich nicht an den Normen des äußeren Moralgesetzes orientieren. Diese Menschen halten sich bewusst oder unbewusst nicht an die von sozialen Systemen entwickelten Regeln. das führt mitunter zur Zerstötung sensibler Systeme (Familien, Vereine, Gemeinden, Gesellschaften..). Ich meine hier nicht psychisch kranke Menschen, die ihre Krankheit z.B. als Querulantentum darstellen. Spielverderber seien Menschen, die selbst nicht bereit sind, produktiv, alterozentriert und konstruktiv am Gespräch zu beteiligen.
Dazu rechne ich auch den zirkulär Streitenden oder verdeckt Kommunizierenden. Bei verdeckt Kommunizierenden stimmt die Oberfächenstruktur des Gesagten nicht mit der Tiefenstruktur ihres Denkens, Wissens, Wollens überein.
Gelingendes Spiel
David Bohm, Rupert Lay oder Ignatius von Loyola wiesen auf ein Gespräch fördernde Verhaltensweisen hin.
1. Hören
Miteinander-Reden bedingt, schweigen zu können. Das Schweigen öffnet dem Hören den Raum. So wird das gesprochene Wort der Beteiligten wahrnehmbar. Der Raum beginnt zu schwingen. Resonanz, Mitgefühl und Vertrauen vermögen zu enstehen.
- Wie wäre es, wenn Sie öfter schwiegen?
- Was meint beredtes Schweigen?
- Was hören Sie im Gespräch?
- Was geschähe, Sie werten nicht und suchen nur den Anderen zu verstehen?
Spüren Sie allerdings leichten Ärger oder Missmut, dann können Sie fast sicher sein, dass etwas anders ist und nicht Ihren Erwartungen, ihrer Weltbeziehung, Deutungsinhalten und ihrem Weltbild entspricht. Hier wird das Gespräch spannend.
- Könnte es sein, dass Sie einem neuen Spielzug begegneten?
Hier könnte sich der bewölkte Himmel öffnen und neue Facetten in ihr Leben kommen. Mitunter ist das unbequem.
2. Befreien von Annahmen
Das Loslassen von Ihren Annahmen ermöglicht Ihnen, das Nadelöhr zum Anderen zu passieren. „Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr,..“ lautet der Bibelspruch und bezieht sich auf ein Stadttor im alten Jerusalem: Wer mit dem Kamel durch das Stadttor wollte, um dort etwa Geschäfte zu machen, musste alle Taschen vom Kamel entfernen, damit es hindurch passte.
- Wie sähen Ihre Gespräche aus, wenn Sie sich von allen persönlichen Annahmen, Selbstdarstellungen oder Überzeugungen suspensierten?
- Wären Sie oder der Gesprächspartner vielleicht weniger irrtiert?
3. Es ist, wie es ist
Die Darbietung des Themas ist so, wie sie eben ist. Sie haben noch keine Vorstellung. Sie könnten ganz beim Thema sein. Nichts würde Sie beim Hinauf oder beim Hinab des Gesprächsverlaufs belasten oder ablenken. Dieses Gespräch ist kein Maskenball.
- Wie könnte Ihnen das gelingen?
- Wie könnten Sie für Achtsamkeit und „Wärme“ auf dem Spielfeld sorgen?
4. Nähren
Befreien Sie sich von ihren Vorurteilen, ihren Stimmen der Überheblichkeit bis hin zur Arroganz, des Besserwissens oder des Zynismus. Emanzipieren Sie sich über Ihre Ängste und reißen ihre Fassaden ein, wird aus dem Fels plötzlich eine lebendige Quelle sprudeln. Das Gespräch wird zu einem bewegten Gebirgsbach, wo die beteiligten Menschen sich lebhaft austauschen. Der Inhalt des Gesprächs wird laufend genährt, beginnt zu wachsen und mündet schließlich im großen Ozean gemeinsamer Erkenntnisse.
5. Trampelpfade verlassen
Verlassen Menschen eingetretene Pfade, werden Sie gewöhnlich irritiert. Wer keinen Spaß daran findet, macht einfach so weiter wie bisher.
- Haben Sie Lust zu spielen und andere Pfade wie die Pfadfinder im unwegsamen Gelände zu suchen?
Bald werden Sie die Wege auch im Durcheinander des Lebens ausmachen und Möglichkeiten finden, manchen scheinbar unpassierbaren wirkenden Pass oder Urwald zu überwinden. Ihr Entdeckerspiel hat schon begonnen.
6. Mut
Es bedarf des Muts, miteinander zu reden. Dann werden Sie auch eine begründete Ansicht äußern, die nicht mit der Allgemeinheit übereinstimmt. Zivilcourage ist die Voraussetzung für ein Denken in Alternativen. Sie ermöglicht im Diskurs eigene und fremde Irrtümer und Täuschungen zu mindern.
Den Handlungsrahmen setzt die Verhältnismäßigkeit (z.B. wegen etwaiger sozialer oder strafrechtlicher Strafen). Den moralischen Rahmen gibt die Maxime der Biophilie.
7. Kontingenz
Das Kommunizierte ist kontingent. Es kann so sein wie es ist (war oder sein wird), aber auch Anderes ist möglich. So sehr ich mich bemühe, in das Denken des Gegenüber einzudringen, mir bleibt nur die Hoffnung, ihn einzuladen, meine Vorschläge zum Thema mit einzubeziehen. Nur er gibt meiner Kommunikation die Bedeutung oder eben Nicht-Bedeutung.
Wie stünde einem mehr Demut?
8. Wahrnehmungsraum
Das Spiel soll neue (Ideen-)Räume für weitere Wahrnehmungen öffnen.
Ein Spiel hat eine zeitliche Achse und braucht einen Raum. Ein gemeinsames Bewusstsein und Denken über einen Gegenstand entsteht nur, wenn diesem Prozess genügend Zeit eingeräumt wird und die Spieler anwesend sind. Persönliche Anwesenheit ist nützlich.
9. Mit Herz sprechen
Menschen kommen in Beziehung, wenn sie Vertrauen finden. Erst dann öffnet sich das Gespräch und die Beteiligten sprechen mit „Herz“. David Bohm, meinte, dass dies eine wesentliche Voraussetzungen für ein Gespräch sei. In diesem Raum überspringen die Menschen Antipoden. Das Spiel beginnt zu „grooven“.
10. Möglichkeiten
„Man solle die Zahl der Möglichkeiten erhöhen“, lautet ein Imperativ von Heinz von Foerster. Ein biophil agierender Mensch versucht die Zahl personalen Lebens eher zu erhöhen, statt die Möglichkeiten zu vermindern. (Erich Fromm; Anatomie der menschlichen Destruktivität).
Menschen, die Vielfalt meiden, sind überzeugt, dass Reduktion mehr Sicherheit gäbe. Bei jedem Gespräch sehen Sie neue Gefahren. „Hic sunt leones“, warnten die Römer. Ihr Reich ging unter.
- Wie sieht ein Gespräch aus, das vom Gedanken der Möglicihkeiten getragen würde?
Weshalb wir spielen sollten
- Weshalb sprechen wir mit manchen Menschen lieber und mit anderen nicht?
Der Unterschied, der den Unterschied ausmacht, ist, die einen wagen ein fröhliches, zuversichtliches, lebendiges und befreiendes Spiel mit den gegebenen Themen und den Beteiligten. Die Spielverderber postulieren: Das Leben sei kein Spiel! Das Leben sei ernst!
Maturana hält dem entgegen: Spiele! Forschung und Wissenschaft zeigten uns, dass ohne Spiel Zukunft nur schwer funktionieren kann. Menschen können mit vielem spielen, das sie umgibt: mit Worten, mit der Macht, mit der Liebe…. Spielen hilft Wahrscheinlichkeiten zu prognostizieren und mit entstehenden Diversitäten umzugehen.
- Was sind ihre grünen Daumen des Gesprächs, damit ihre Zukunft gedeiht, wächst und blüht?
Redet miteinander!
Steigen Sie ins Spiel des Miteinander Redens ein: es eröffnet Ihnen geniale Spielzüge, Sie schießen vielleicht über das Tor hinaus, Sie werden mit Foulspiel konfrontiert, werden von unerwarteten Spielzügen überrascht, Sie können Scheitern und manch ein Gesprächspartner wird Sie ausspielen. Doch immer gilt:

