Selbstwert

von | Jan 14, 2021 | Persönlichkeit

„Die Selbstachtung ist wichtiger als jegliche von außen kommende Anerkennung.“

Selbstwertschätzung

Was ist Selbstwertschätzung?

Der Begriff ist vielfältig. Es ist das Ausmaß, wie ein Mensch sich selbst einschätzt bzw. wertschätzt. Im Alltag werden zahlreiche Begriffe verwandt. Astrid Schütz nennt z.B: Selbstbewusstsein, Selbstvertrauen, Selbstbejahung oder Selbstbhauptung. So zeigen Menschen, die sich selbst positiv einschätzen meist auch ein höheres Wohlbefinden. Selbstwertschätzung ist eine subjektive Haltung.
Menschen hingegen mit einer niedrigen Quote der Selbstwertschätzung sind häufig nicht so leistungsfähig, neigen eher zu Depressionen und Stimmungsschwankungen.

Werten der eigenen Person

Während das Selbstkonzept ein Bild der eigenen Person ist, bezieht sich Selbstwertschätzung auf die Bewertung der eigenen Person.

Selbstwertschätzung kann sich zeigen:

1. der Mensch kann stabile soziale Beziehungen aufnehmen,
2. er ist sich seines (Selbst-)Wertes bewusst,
3. er ist fähig Gefühle auszudrücken,
4. der Menschen kann sich anderen gegenüber öffnen und hat ein ausgewogenes Verhältnis zu Distanz und Nähe
5. er hat ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen Aktivität und Passivität (wie z.B durch Zuhören) in der sozialen Interaktion.

Einer starken Persönlichkeit widerfährt eher Erfolg und Glück.

Schattenseiten

Wie vieles in der Welt kann ein Zuviel der Selbstwertschätzung zu selbstgefälligen, eitlen, selbstverherrlichenden, selbstverachtenden Verhaltensweisen führen. Auch Arroganz, Selbsthass oder Minderwertigkeitsgefühle können Auswirkungen fehlgesteuerter Selbstwertgefühle sein. Facebook und Instagram führt uns das bildhaft vor.

Ich-Ideal und Ich-Real

So scheint es wichtig, das Augenmerk auf die Diskrepanz zwischen Ich-Ideal und Ich-Real zu richten. Ich-Ideal ist die Wunschvorstellung, die Menschen von sich in Bezug auf Verhalten, Werthaltungen, Zielvorstellungen, Absichten und Interessen haben. Es wird meist als Ich-Wirklichkeit internalisiert. Dem steht das Ich-Real gegenüber, das die Menge aller möglichen wahren Abläufe in der Welt seien, sagt R. Lay. Ein authentischer Mensch wird Sorge tragen, sein Ich-Ideal am Ich-Real auszurichten, auch wenn das ihm nie zur Gänze gelingen vermag.
Gelingt der Ausgleich überwiegend nicht, wird der Mensch versuchen die Defizite zu kompensieren. Vielfach finden wir bei Menschen mit Führungsfunktion dieses Defizit, da sie die mangelnde eigene Selbstwertschätzung und unrealistische (Selbst-)Einschätzung von Ich-Ideal und Ich-Real über hierarchische Ebenen und legale Autorität zu kompensieren suchen.

Wie kommen wir zum Wissen über unser Selbst?

Eine Weise ist, sich selbst zu beobachten. Wie manifestiert sich inneres Erleben körperlich? Etwa, wenn Menschen bemerken, es wird ihnen bei einer Präsentation warm, oder Menschen empfinden einen Druck auf der Brust. Andere berichten, es schnüre ihnen die Kehle zu, wenn sie in einem Bewerbungsgespräch oder einer Verhandlung sitzen.
Menschen gelangen zu diesem Wissen dadurch, dass sie sich an Imprints (Ereignisse) in der Vergangenheit erinnern. Die Menschen empfinden sich dann als Folge der Erinnerung oft als unsicher oder nicht belastbar. Ist eine Präsentation sehr gut gelaufen, weiß dieser Mensch nun, dass er trotz Anspannung auch eine gegenwärtige Aufgabe gut meistern kann. Er wurde sich selbst bewußt: er schätzt sich selbst in der Zukunft positiver  ein.

Eigen- und Fremdwahrnehmung

Ein weiterer Zugang zum Selbst ist Feedback. Feedback basiert auf sozialer Rückmeldung. Menschen entwickeln ihr Selbst durch Resonanz, schreibt Joachim Bauer (2019). Resonanz ist neben anderen Faktoren ein Lebenselexir, das das menschliche Motivationssystem ins Schwingen bringt. Wird es, wie unrühmliche Experimente der Isolation über längere Zeiträume zeigten, nicht angesprochen, schaltet es einfach ab. Der Mensch wird so leicht zum Treibholz und Spielball anderer.

Ich-Du

Das Selbst komponiert sich im Laufe des Erwachsenwerdens durch Spiegelung und Resonanz (s.o.). Dass das Selbst mit dem Du unauflöslich verbunden ist, zeigte uns Martin Buber (Das dialogische Prinzip) auf und erhielt in den letzten Jahren die neurobiologische Bestätigung. Er prägte das Grundwort Ich-Du. Keines kann ohne das Andere sein.

Praktische Hinweise

Wichtigste Quelle ist aber die Selbstbeobachtung und Selbstbewertung. Diese Beobachtung der eigenen Kompetenz in Form der Selbstbeobachtung, bleibt Ursprung der Selbstwertschätzung. Der Vorteil ist, dass nur Mensch für sich umsetzen kann; vorausgesetzt, dass er über die notwendige Sensitivität verfügt.

Das können Sie üben:

  • Pausieren Sie über den Tag verteilt.
  • Achten Sie nur auf Ihren Atem.
  • Betrachten Sie den Schreibtisch vor sich: was sehen Sie? 
  • Sitzen Sie einfach eine halbe Minute still, nur still.

Weitere Anregungen finden Sie in unzähligen Büchern oder Journalbeiträgen. Keines der Bücher hat das neu erfunden. Es ist seit Jahrtausenden verankertes Menschheitswissen: Blättern Sie durch Schriften von Meister Eckhardt (etwa 1200), den christlichen Mystikern (16. Jahrh.), dem Bhagavad Gita (etwa 300 a.C.) oder Rumi (etwa 1000), Sie werden zahlreiche Anregungen finden.

Sie brauchen grds. dazu keinen Kurs buchen. Sie selbst genügen! Wieso beschränken Menschen einen Kirchenbesuch nur innerhalb kultureller Pflichten abhacken? Nutzen Sie den Raum der Stille in einer Kirche. 2 bis 3 Minuten reichen für ein Innehalten. Es geht nur um das In-der-Stille-Sein und um kein Glaubensbekenntnis!

Stärkung des Selbstwerts

Quelle der erhöhten Selbstwertschätzung sind, nach einer Diplomarbeit von Müller & Gegenfurtner/Uni Bamberg:

> Menschen beeinflussen können
> Direkt-sein
> Bestätigung der eigenen Schönheit
> Die Welt offener und wahrer wahrnehmen
> Sich zugehörig zu fühlen
> das Gefühl aus „gutem Stall“ zu kommen
> Ein persönliches Gefühl, erfolgreich zu sein
> Als Freund verlässlich zu sein
> Gut zuhören zu können
> Hilfsbereit zu sein

Es zeigt, dass die Quellen des Selbstwerts vielfältig sind. Und wie vieles im Leben kommt es auf das rechte Maß an: Die oben aufgezählten Selbstwertquellen führen in einem Zuviel zur „negativen Gegentugend“. So erhöht zum Beispiel Erfolg zwar den Selbstwert, doch gleichzeitig führt das Leistungsprimat schnell zu einer psychischen und körperlichen Überlastung und Druck.

  • Können Sie das Gewollte auch umsetzen?
  • Reizt es Sie selbst oder nur das Unternehmen?
  • Sehen Sie einen Sinn in diesem Tun?

Selbstakzeptanz

Grundsätzlich bestärkt eine Ausgeglichenheit zwischen Ich-Real und Ich-Ideal das Selbst.
Kann sich ein Mensch so akzeptieren, wie er ist, ohne dies ausschließlich von äußeren Rückmeldungen oder persönlichen Leistungserfolgen abhängig zu machen, führt das zu einer starken Quelle der Selbstakzeptanz.

Kultur

Kulturelle Gegebenheiten und Vorgaben der Gesellschaft oder sozialer Institutionen verändern sich im Lauf der Zeit. Diese zeitgeschichtlich variierenden Phänomene stehen mit dem Selbst und den menschlichen Verhaltensweisen im Zusammenhang. Das positive Selbstbild war zur Zeit der Römer ein anderes als zu Freuds Lebenszeit oder in der Gegenwart. Oft geschieht es unbemerkt und wird erst im Rückblick auf die Ursprungsquellen deutlich. Als Beobachter*in können wir die Zusammenhänge und Muster im Rückblick sehen. Das setzt einen Menschen voraus, der sich gedanklich und emotional in eine andere Welt und Vorstellungen versetzen kann. Ohne Kreativität, inneren Dialog und Betrachtung der Kultur gelingt das nicht. Dazu brauchen Sie eine Art intellektueller Empathie. Sie erschließt eigene Zugänge und ermöglicht anderen, ebenfalls eigene Zugänge zum Selbst zu finden.

Das geht nicht spannungsfrei. Zwei Motive kommen in Konflikt: Einerseits möchten Menschen grundsätzlich positiv wahrgenommen werden (= Selbsterhöhungsmotiv) und andererseits möchten Menschen auch zutreffend (= Konsistenzmotiv) wirken.

Dynamisierter Selbstwert

Selbstwert ist wie die überwiegenden Persönlichkeitseigenschaften, durch eine Eigenschafts- (trait) und Zustandkomponente (state) gekennzeichnet. Einmal basiert er zu etwa 50 % auf genetischen Einflüssen und der Lebensgeschichte. Zum Anderen schwankt er in Anbhängigkeit von kontextualen Veränderungen (s.o.). Verhalten und Selbstwahrnehmung koppeln sich zurück. Zwei Wege zeichnen sich ab:

  1. Der personale, bei dem die Internalisierung durch beobachten des eigenen Verhaltens geschieht.
  2. Beim sozialen Weg der Internalisierung spielen andere Menschen die vermittelnde Rolle.

Experimente zeigten, dass der soziale Weg einflussreicher auf die Selbsteinschätzung ist: Das, was ein Mensch vor Anderen tut, wirkt nachhaltiger, als das, was Menschen unbeobachtet tun. Geben sei mehr als nehmen, sagt der Volksmund. Geben ist auf das Du gerichtet.

Und nun?

Wir haben gesehen, hohe Selbstwertschätzung ist nicht uneingeschränkt günstig. Die Steigerung des Selbstwerts kann nur dann ein sinnvolles Ziel sein, wenn der ganze Mensch mit einbezogen wird. Zu vielschichtig ist ein Mensch und seine Zusammenhänge. Der Selbstwert zeigt sich im Raum der Begegnung.

Primäre Tugenden und kritische Selbstreflexion können als Regulatoren dienen, um das rechte Maß im jeweiligen Kontext zu finden. Selbstwert ist keine manifeste Größe. Er dynamisiert sich, abhängig von der Situation. Der eigene Selbstwert sollte (überwiegend) nicht in Abhängigkeit von Erfolgen und Anerkennung stehen. Er sollte nicht immer wieder verteidigt werden müssen, schreibt Astrid Schütz.

„Die Selbstachtung ist wichtiger als jegliche von außen kommende Anerkennung.“

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