Kommunikativ spielen

von | Feb 11, 2021 | Kommunikation

Ich begegne vielen Menschen, die reden. Sie reden stilistisch und grammatikalisch einwandfrei. Doch erreichen mich nur wenige. Ich höre und fühle nichts.

Gespräch als Spiel?

Nehmen wir an, ein Gespräch sei eine Weise miteinander zu kommunizieren und das Gespräch sei ein Spiel, so schafft das Spiel Leben (Humberto Maturana). ‚Miteinander-Reden‘ wird dann zum lebendigen Spiel, wenn eine bestimmte Menge an Gefühlen, Gedanken und Räume ausgetauscht werden. Das spielerische Element sei, dass sich  dynamische Kooperationen und Spannungen im Mit- und Gegenspiel entfalten. Diese Gemengelage wird zu einer Matrix (Nährboden) für einen „kooperativen Individualismus“, in dem es nicht heißt: „Ich denke, deshalb bin ich“, sondern „Ich bin, weil Du bist“.  Auf diesem Spielfeld können Selbstachtung, Toleranz und Alterozentriertheit, Wertschätzung, Resonanz und Beziehungen lebendig werden.

Spielanleitung

Sie können den kleinen Artikel anfangen, wo Sie wollen. Ich versuche so zu sein, wovon der Inhalt handelt. Kommunizieren im Sinn eines Miteinander-Redens, Watzlawick nennt das aktive Interaktionermöglicht, dass Gedanken wie Splitter in einem Kaleidoskop  purzeln und sich durch neue Interpunktionen laufend neu organisieren. Das Spiel ist spannend, oft fremd, regen an und auf und ist immer riskant. Der Spielkausgang ist offen.

Mitspieler

Ich lade Sie ein, mitzuspielen. Es ist nicht zwingend ein Spiel gegeneinander, wo es nur um gewinnen geht. Neue Impulse springen aufs Spielfeld. Dabei greifen wir manchmal an, taktieren, wir streicheln, sind zurückhaltend, erfahren Kritik,  manchmal stolpert ein Spieler, doch Ziel ist immer, miteinander zu spielen. Das Spielende ist nicht gleich absehbar und der Spielverlauf führt in unterschiedliche Richtungen.

Gewonnen hat, wer mitspielt. 

Viele Menschen ziehen ein Spiel vor, nicht zu erkennen, dass sie ein Spiel spielen, und halten ihre Blindheit für ehrlich (Watzlawick, Nardone). Für die mache ich diese Bemerkungen nicht.

Regeln

  • Hat ein (Kommunikations-)Spiel Regeln?
  • Welchem Ziel folgt phatische Kommunikation?
  • Ist Miteinander-Reden nur sinnloses hin und her schieben von Wörtern?

Die Spielanweisungen folgen grundsätzlich dem Gesprächsgegenstand. Es ist wie bei Bauklötzchen, wo das Gleichgewicht die Regel des Bauens vorgibt.

Je nach dem gewählten Ziel oder Nicht-Ziel, verlassen wir mal den eingeschlagenen Weg oder schlagen eine neue Richtung ein. Linkische Kommunikation würde eher Schmierstoffe verwenden, um das Ganze in einer gewissen Position zu halten, zu vernebeln, zu schummeln oder sich über den Gesprächspartner zu erheben.

Warum kommen Dinge durcheinander?

Das Durcheinander in zahlreichen Gesprächen verursachen die Beteiligten. Diese ergeben sich aus unbewussten Meinungen, Wertvorstellungen, Haltungen, Prinzipien, Verletzungen, Scham und vielem mehr.

Miteinander Reden ist eben kein Schachspiel oder ‚Fang den Hut‘. Die Spielweise des Gesprächs verlangt von den Mitspielern Mut. Der Ausgang des Gesprächs ist nicht immer vorzubestimmen. Das Spielglück heisst Zufall, Freiheit und Offenheit. Es ist eine andere Weise, aus dem Durcheinander  wieder rauszukommen.

  • Diskutieren Sie im Gespräch mehr über Regeln, obwohl sich diese im Fortgang des Miteinander-Redens laufend verändern?
  • Was geschähe, wenn wir so wie Hunde oder Kätzchen spielen würden?
  • Was bedeutet, dass alle Wirklichkeiten zweiter Ordnung relativ sind?

Formale Gespräche

Natürlich gibt es formal vorgeschriebene Gesprächsabläufe. Die Regeln schreiben  Institutionen, Rechtsordnungen, Handelsbräuche oder gesellschaftliche Rituale vor. Gute Spieler führten mir vor, dass auch in diesem Rahmen erweiternd gespielt werden kann. 

Der Antispieler

Antispieler warten ab, versuchen ausschließlich strategisch vorzugehen und sind eher egoman. Diese Spieler spielen nur um ihren Sieg im Gespräch. Sie spielen gegen die beteiligten Spieler. Sie spielen machtorientiert, arrogant, unwissend oder nur im materiellen Interesse. Diese Spieler mögen auf kommunikativer Ebene manchen Sieg erringen, sie verlieren aber immer den Krieg.

Eine weitere Antispielergattung ist der Kontrollfreak und Zielfanatiker. Natürlich spielt man, um zu gewinnen (Wolf Lotter). Kontrollfreaks und Zielfanatiker wollen gewinnen, ohne zu spielen. Das wird mit emanzipierten Gesprächspartnern kaum funktionieren.

Die Einladung

Kommunikativ zu spielen, ist eine Einladung in die Gedankenwelt des Mitspielers hineinzuspüren und diese zum Mitspielen zu annimieren. So vermag der Zauber des Miteinander-Redens zu beginnen. Man akzeptiert, dass das Leben so ist, wie du sagst, dass es ist. Nach diesem Spiel geht man mit dem Gefühl auseinander, ein gutes Spiel gespielt zu haben.

Gelingendes Spiel

1. Hören

Miteinander-Reden bedingt schweigen zu können. Das Schweigen öffnet dem Hören den Raum. So wird das gesprochene Wort der Beteiligten wahrnehmbar. Der Raum beginnt zu  schwingen. Resonanz, Mitgefühl und Vertrauen kann enstehen.

  • Wie wäre es,  wenn Sie  öfter schwiegen?
  • Was meint beredtes Schweigen?
  • Was hören Sie  im Gespräch?
  • Was geschähe, Sie werten nicht und suchen nur den Anderen zu verstehen?

Spüren Sie allerdings leichten Ärger oder Missmut, dann können Sie fast sicher sein, dass etwas anders ist und nicht Ihren Erwartungen, ihrer Weltbeziehung, Deutungsinhalten und ihrem Weltbild entspricht. Hier wird das Gespräch spannend. Könnte es sein, dass Sie einem neuen Spielzug  begegneten? Hier könnte sich der bewölkte Himmel öffnen und neue Facetten in ihr Leben kommen. Mitunter ist das unbequem.

2. Befreien von Annahmen

Das Loslassen von Ihren Annahmen ermöglicht Ihnen, das Nadelöhr zum Anderen zu passieren. „Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr,..“ lautet der Bibelspruch und bezieht sich auf ein Stadttor im alten Jerusalem: Wer mit dem Kamel durch das Stadttor wollte, um dort etwa Geschäfte zu machen, musste alle Taschen vom Kamel entfernen, damit es hindurch passte.

  • Wie sähen Ihre Gespräche aus, wenn Sie sich von allen persönlichen Annahmen, Selbstdarstellungen oder Überzeugungen suspensierten?
  • Wären Sie oder der Mitspieler vielleicht weniger irrtiert?

3. Es ist, wie es ist

Die Darbietung des Themas ist so, wie sie eben ist. Sie haben noch keine Vorstellung. Sie könnten ganz beim Thema sein. Nichts würde Sie beim Hinauf oder beim Hinab des Spielverlaufs belasten oder ablenken. Dieses Gespräch ist kein Maskenball.

  • Wie könnte Ihnen das gelingen?
  • Wie könnten Sie für Achtsamkeit und „Wärme“ auf dem Spielfeld sorgen?

4. Nähren

Befreien Sie sich von ihren Vorurteilen, ihren Stimmen der Überheblichkeit bis hin zur Arroganz, des Besserwissens oder des Zynismus. Emanzipieren Sie sich über Ihre Ängste und reißen ihre Fassaden ein, wird aus dem Fels (Gespräch) eine lebendige Quelle sprudeln. Das Gespräch wird zu einem bewegten Gebirgsbach, wo die beteiligten Menschen sich lebhaft austauschen. Der Inhalt des Gesprächs wird laufend genährt, beginnt zu wachsen und mündet schließlich im großen Ozean.

5. Trampelpfade verlassen

Verlassen Menschen eingetretene Pfade, werden Sie gewöhnlich irritiert. Wer keinen Spaß daran findet, macht einfach so weiter wie bisher.

  • Haben Sie Lust zu spielen und andere Pfade wie die Pfadfinder im unwegsamen Gelände zu suchen?

Bald werden Sie die Wege auch im Durcheinander des Lebens ausmachen und Möglichkeiten finden, manchen unpassierbaren wirkenden Pass oder Urwald zu überwinden. Ihr Entdeckerspiel hat schon begonnen.

6. Mut

Es bedarf des Mute, miteinander zu reden. Dann werden Sie auch eine begründete Ansicht äußern, die nicht mit der Allgemeinheit übereinstimmt. Zivilcourage ist die Vporaussetzung für ein Denken in Alternativen. Sie ermöglicht im Diskurs eigene und fremde Irrtümer und Täuschungen zu mindern.

Den Handlungsrahmen setzt die Verhältnismäßigkeit (wegen etwaiger sozialer oder strafrechtlicher Strafen) und die Maxime der Biophilie.

7. Kontingenz

Das Kommunizierte ist kontingent. Es kann so sein wie es ist (war oder sein wird), aber auch Anderes ist möglich. So sehr ich mich bemühe, in ihr Denken einzudringen, mir bleibt nur die Hoffnung, Sie einzuladen,  meine Vorschläge zum Thema mit einzubeziehen. Nur Sie geben meiner Kommunikation die Bedeutung oder eben Nicht-Bedeutung.

8. Wahrnehmungsraum

Das Spiel soll neue (Ideen-)Räume für weitere Wahrnehmungen öffnen.
Ein Spiel hat eine zeitliche Achse und braucht einen Raum. Ein gemeinsames Bewusstsein und Denken über einen Gegenstand entsteht nur, wenn diesem Prozess genügend Zeit eingeräumt wird und die Spieler anwesend sind. Persönliche Anwesenheit ist nützlich.

9. Mit Herz sprechen

Menschen kommen in Beziehung, wenn sie Vertrauen finden. Erst dann öffnet sich das Gespräch und die Beteiligten sprechen mit „Herz“. David Bohm, meinte, dass dies eine wesentliche Voraussetzungen für ein Gespräch sei. In diesem Raum überspringen die Menschen Antipoden. Das Spiel beginnt zu grooven.

Digitalisierung

Viele Menschen merken, dass bei Videokonferenzen oder Telefongesprächen Etwas anders ist, das nicht  mit herkömmlichen Vorgehensweisen kompensiert werden kann. In diesen digitalisiert ablaufenden Gesprächen steht der „Cyber-Humanismus“ ( Baecker) erst am Beginn. Neue Kompetenzen sind zu erlernen und erproben, denn intransparente Informationen sind zu verarbeiten, basierend auf soziometrischen Bewertungen der Inhalte.

Eine ausführliche Darstellung sprengt den Rahmen und bleibt einer weiteren Betrachtung vorbehalten.

Möglichkeiten

„Man solle die Zahl der Möglichkeiten erhöhen“, lautet ein Imperativ von Heinz von Foerster. Ein biophil agierender Mensch versucht die Zahl personalen Lebens eher zu erhöhen, statt die Möglichkeiten zu vermindern. (Erich Fromm; Anatomie der menschlichen Destruktivität).

Menschen, die Vielfalt meiden, sind überzeugt, dass Reduktion mehr Sicherheit gäbe. Bei jedem Gespräch sehen Sie neue Gefahren. „Hic sunt leones“, warnten die Römer. Ihr Reich ging unter.

  • Wie sieht ein Gespräch aus, das von diesen Gedanken getragen würde?
  • Wie sähe ein Gespräch aus, in dem Sie lavieren, beobachten, Optionen öffnen?

Weshalb wir spielen sollten

  • Weshalb werden die einen Kommunikatoren bejubelt und die anderen nicht?

Der Unterschied, der den Unterschied ausmacht, ist, die einen wagen ein fröhliches, zuversichtliches, lebendiges und befreiendes Spiel mit den gegebenen Themen und den Beteiligten. Die Spielverderber sagen: Das Leben sei kein Spiel!  Das Leben sei ernst.

Maturana hält dem entgegen: Spiele! Forschung und Wissenschaft zeigten uns, dass ohne Spiel Zukunft nur schwer funktionieren kann. Menschen können mit vielem spielen, das sie umgibt: mit Worten, mit der Macht, mit der Liebe…. Spielen hilft Wahrscheinlichkeiten zu prognostizieren und  mit entstehenden Diversitäten umzugehen.

  • Was sind ihre grünen Daumen des Gesprächs, damit ihre Gesprächszukunft gedeiht, wächst und blüht?

Spiele!

Steigen Sie ins Spiel ein: es gelingen Ihnen geniale Spielzüge, Sie schießen über das Tor hinaus, Sie werden mit Foulspiel konfrontiert, werden von unerwarteten Spielzügen überrascht,  Sie können Scheitern und manch ein Gesprächspartner wird Sie ausspielen.

Das Gesprächsspiel gewinnt, wer mitspielt!

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